Gourmetspitzen

Das Steak-Debakel: saftlos und geschmacksneutral

Ganz gleich, ob Gast oder Gastronomie-Tester: Jeder Restaurant-Besuch ist eine Momentaufnahme. In der Hauptstadt überwiegen dabei für mich die Glücksmomente, aber nicht nur...

Eines der schlechtesten Erlebnisse in der langen Zeit von mehr als zwei Jahrzehnten Gastro-Kritik erwischte ich in einem Berliner Restaurant, das mir ausgerechnet ein Kollege der Berlin Partner-Jury empfohlen hatte, im "Filetstück" in der Schönhauser Allee, einer Kombination von Fleischladen und Steak House. Nehme ich den sehr angenehmen Service, wenn die Bedienung denn nicht an der Laden-Theke verkaufen musste, einmal aus, kann ich alle anderen Wertungs-Bereiche nur als Desaster bezeichnen.

Als erstes frage ich mich, was der Koch in dem Restaurant eigentlich im Hauptberuf macht. Nur Steaks auf den Grill legen, das kann auch die Hilfskraft im Ketten-Restaurant. Mit interessanten Vorspeisen und raffinierten Desserts hätte er sich selber ein kreatives Spielfeld geschaffen. Ich traute meinen Augen aber nicht, als Rinder-Carpaccio als Einstieg auf der Karte stand, wo es doch schon als Hauptgang keine Alternative zum Steak gibt. Wenigstens ein Fischgang ist sonst in jedem ordentlichen Steak House rund um den Erdball im Angebot. Hier, im "Filetstück" bekam ich geradezu Sehnsucht nach dem Berliner Spitzen-Steak House Wilson's im Crowne Plaza, wo es von Crab Cake bis Atlantik-Thunfisch etliche köstlich gemachte Ergänzungen zur Fleischeslust gibt.

Wäre ja alles noch zu verzeihen, wenn dann wenigstens das Steak für Begeisterung gesorgt hätte. Doch der Konflikt beginnt beim Angebot. Dass es weder die Edelsorten American Prime Beef oder Wagyu gibt, nehme ich hin, doch das Fehlen meines geliebten Ribeyes mit dem Fettauge als Aromaträger, ist für mich schlicht unverständlich.

Also bestellte ich ein 300 Gramm Filet vom irischen Starfleischer Donald Russell. Fazit: Guter Name, traurige Wirklichkeit. So etwas trockenes, saftloses und geschmacksneutrales an Fleisch habe ich in der Abteilung Steak lange nicht gegessen. Vielleicht, so dachte ich mir, reißen es die frisch gemachten Saucen heraus. Da wir die Einsamkeit des Gastes erlebten, hatten die Köche, die hinter der Glasscheibe ihr Reich haben, nichts zu tun. Also hoffte ich auf einen klasse Braten-Jus. Doch was dann kam, war nur eine braune Fertig-Demiglace, von wegen Braten Jus. Für ein bisschen Abwechslung sorgte lediglich die zerlaufene Café de Paris-Butter. Dafür, dass die missratene Saucen-Palette dem Gast auch noch extra berechnet wird, kann der Koch nichts. So oder so, mit bleibt eine solche Politik unverständlich. Für das Steak wurden 40 Euro berechnet, alle Beilagen zusätzlich. Ich habe den Beleg dieses Preis-Leistungs-Verhältnisses eingerahmt.

Um den Rosmarin-Kartoffeln Aroma zu verpassen, hätten sie geröstet werden müssen. Das weiß man doch seit Kindertagen, wo Kartoffeln in der Glut gegart wurden. Doch meine Beilage war ein weiterer Negativrekord an Geschmacksneutralität. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht macht das Dessert Boden gut. Leide habe sie nur ein einziges Tagesdessert, sagte die weiterhin liebenswerte Bedienung, die eine gute Note verdient hat. Es gab weiße Schokolade und eine Variation von Erdbeeren. Was aber serviert wurde, war ein Stückchen Torte, neben dem eine Erdbeere und an der anderen Seite winzige Schnipsel der klein geschnittenen Frucht lagen. Ich entschloss mich, den Flop abzuhaken, weil es doch so viele Küchen-Highlights in der Stadt gibt.

Die Weinkarte bietet kleine, mehrheitlich preisgünstige Weine, einige auch glasweise. Bis auf den Cantemerle gibt es keine Ausflüge in den Grand Cru-Bereich. Wir wählten einen leichten Clarette Rosé (31 Euro), der ordentlich gekühlt serviert wurde.

Ein Gedanke noch zum Ambiente: Wer draußen Platz nimmt, hat einen Blick auf eine extrem hässliche Baustelle und die Rückseite der Currywurstbude Konnopke. Es sind Tischdecken ausgebreitet. Innen aber gibt es nicht einmal Tischläufer, nur billigste grüne Papier-Servietten, was ich schon wie die Pest hasse.

Rechts vom Eingang ist die Warentheke, auf der Rückseite die Küche im, wie gesagt, einsehbaren Glaskäfig. Dekoration, gar Blumen: Fehlanzeige. Auch schon wegen der unschönen Atmosphäre, vom Produkt einmal ganz abgesehen, war ich mit einem Besuch gleich zwei Mal im "Filetstück": zum ersten und gewiss zum letzten Mal.

Die Investorengruppe des Restaurants hat vor kurzem einen Ableger eröffnet. Die Lage in der Uhlandstraße ist gewiss deutlich besser, das Steak-Programm soll aber dasselbe sein.

Restaurant Filetsteak Schönhauser Allee 45, Prenzlauer Berg, Tel. 48 82 03 0, Öffnungszeiten Mo.-Do. 12-23 Uhr, Fr. 12-24 Uhr, Sbd. 11-24 Uhr, So. 18-23 Uhr, keine Kreditkarten, www.filetstueck.de

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost