Berliner Perlen

Leute machen Kleider

Wer einmal an einer Nähmaschine saß, weiß, dass gerade zu Beginn der Anspruch und die handwerkliche Fähigkeiten weit auseinander klaffen. Während man insgeheim davon träumt, sich mit einer kreativen, selbst entworfenen Garderobe endgültig unabhängig von der Modeindustrie zu machen, muss man hilflos beobachten, wie Nähte aus der Spur laufen und sich der Unterfaden hoffnungslos verknotet.

Und so gibt mancher Schneider-Schüler verzweifelt auf, bevor auch nur ein einziger selbst genähter Turnbeutel das Licht der Welt erblickt hat. "Unter Anleitung geht es aber viel einfacher", sagt Tania Gehrmann, die seit sechs Jahren in ihrem Laden "Frau Tulpe" gut besuchte Nähkurse in Mitte anbietet.

"Nach fünf Stunden Basiskurs ist jeder so weit, etwas selbst zu nähen." Nicht unbedingt einen Blazer, aber einfache Dinge wie Kissenhüllen, Beutel, Schlafbrillen, Schals und iPod-Etuis. Fortgeschrittene können lernen mit nächsten Kurs, Blusen und Kleider zu nähen.

Knallbuntes Universum

Der Laden "Frau Tulpe" ist ein knallbuntes Universum, das in der eher tristen Veteranenstraße beheimatet ist und mehr als 500 verschiedene Stoffe, unzählige Bordüren, Bänder, Gürtelschnallen, Taschengriffe und Gläser mit Knöpfen beherbergt. Zusätzlich gibt es auch alles, was unter dem wunderbar altmodischen Begriff "Kurzwaren" läuft: Garnrollen, Nähnadeln, Fingerhüte und Nadelkissen. Das Geschäft ist meist ausgesprochen gut besucht. Zwei Mitarbeiterinnen sind immer mit dem Verkauf beschäftigt, nachmittags muss man sich zwischen Kinderwagen hindurch schlängeln. Die Kundinnen - Männer sind eine Minderheit unter den Käufern - wühlen beherzt im Angebot der Stoffrollen, seufzen hin und wieder unentschlossen und versprechen den Kleinkindern auf ihrem Arm schon mal ein Eis für die Zeit nach dem Ladenbesuch.

Während die meisten Einzelhändler versuchen, mit ihren Angeboten ein möglichst breites Spektrum an Kundenwünschen abzudecken, dominieren bei "Frau Tulpe" eindeutig leuchtende Farben und fröhlich-plakative Muster. Man sieht rot-weiße russische Matrjoschkas auf grauem Grund, dickliche Rotkehlchen, die vor einem hellblauen Sternenhimmel schnäbeln, blumenumkränzte Springbrunnen sowie Tiere, Blumen und Märchenfiguren in allen Variationen.

Das Gros der Muster versprüht einen naiven Charme und erinnert an Kinderabende während denen man sich bei der nervenzerfetzenden Lektüre von "Fünf Freunde" furchtsam die Bambi-Bettdecke über den Kopf zog. "Selbstverständlich haben wir auch einfarbige Stoffe, sogar in Farben wie beige oder schwarz", versichert Tania Gehrmann. Ins Auge fallen die allerdings nicht.

Ähnlich kompromisslos ist die Ladeninhaberin bei der Auswahl der Materialien: Die meisten Rollen sind mit festen, hochwertigen Baumwollbahnen umwickelt, in kleinerem Umfang sind auch Leinen und Wollstoffe zu haben. Polyester und andere Kunstfasern gibt es dagegen nicht. "Das hat keine ideellen Gründe. Es liegt nur daran, dass mir Kunstfasern nicht gefallen", sagt Tania Gehrmann. Brokat oder Seide führt Frau Tulpe ebenfalls nicht: "Solche Stoffe sind sehr teuer. Näh-Anfänger haben zu viel Respekt davor, sie trauen sich kaum, sie zuzuschneiden. Mir ist wichtig, dass die Stoffe erschwinglich sind." So kosten die meisten der Stoffbahnen zwischen zehn und 18 Euro pro Meter.

Irgendwie ahnt man es bald: Tania Gehrmann nähte schon als Kind gerne und liebte bunte Muster. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung als Schneiderin in ihrer Heimatstadt Hannover, kam dann nach Berlin, um Mode-Design zu studieren. Nach dem Studium ließ sie sich in Hamburg nieder, wo sie als Designerin "Streetwear für Mädels" entwarf. "Mein Lebensmittelpunkt war aber immer Berlin, ich wollte unbedingt hier wieder leben", sagt Tania Gehrmann.

Während sie auf der Suche nach Stoffen für ihre Entwürfe war, fiel ihr auf, dass immer mehr Stoffabteilungen in den Kaufhäusern schlossen, während sie im Bekanntenkreis merkte, dass sich so mancher individuell gestaltete Kleidung wünschte. "Moderne, zeitgemäße Stoffe waren unglaublich schwer zu finden", erinnert sie sich. Und damit war vor gut sieben Jahren die Idee zu Frau Tulpe geboren und Tania Gehrmann hatte wieder einen Grund, gen Berlin zu ziehen.

Buntes Retro-Muster

Heute führt sie den Laden gemeinsam mit ihrem Mann. Vor einem Jahr eröffnete "Frau Tulpe" ein zweites Geschäft in Hamburg-Altona, das von einer Freundin als Geschäftsführerin geleitet wird.

Tania Gehrmann kleidet sich, obwohl sie täglich von Unmengen bunter Stoffbahnen und lustiger Figürchen umgeben ist, eher zurückhaltend. Nur die Sweatshirt-Jacke, die sie an diesem Tag trägt, hat eine Applikation mit einem bunten Retro-Muster. "Die Jacke ist von einem Label, das ich mit meinen Stoffen beliefere", erklärt sie. Die Läden in zwei Städten in Gang zu halten, lasse ihr kaum Zeit, sich an der Nähmaschine ausgiebig zu verwirklichen. "Aber ich träume davon, mir bald wieder richtig schöne Sachen zu nähen", sagt sie. Ein Traum, den sie mit den meisten ihrer Kundinnen teilt.

Frau Tulpe Veteranenstraße 19, Mitte, Informationen und Anmeldung unter Tel. 44 32 78 65, Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Sbd. 11-18 Uhr, Anfang Juni beginnen neue Nähkurse, die Teilnahme kostet ab 20 Euro