Zwölf Stunden

Kapitäne der Großstadt

An sonnigen Wochenenden sind freie Plätze auf der "Spree-Prinzessin" und anderen Dampfern umkämpft. Denn ein Tag auf dem Wasser mit Familie und Kaffeegedeck ist Berliner Tradition

07:00 Ingo Reuter macht mit Lappen und Wischwasser die "Spree-Prinzessin" sauber. Gründlich, auch in den Ecken. Muss sein, früh am Morgen oder auch mal zwischen zwei Fahrten. Schließlich ist die Prinzessin der alt eingesessenen Reederei Riedel sein Schiff. Eigentlich ist er nämlich Schiffsführer, so heißt der Kapitän in der Binnenschifffahrt. Seine Lebensgefährtin übrigens auch. Die beiden haben sich an Bord kennen gelernt.

08:10 Kai Köhler ist auch Schiffsführer. Er fährt die "Kreuzberg". Schon als Matrose hat er gelernt, die Motoren zu warten. Jetzt klettert der 37-Jährige hinunter in den Maschinenraum. Da hat er jeden Tag zu tun, manchmal 20 Minuten, manchmal zwei Stunden. Er zieht sich seinen Blaumann über und prüft den Wasserstand, genauer: den Stand des Gemischs aus Wasser und Frostschutzmittel. Das Verhältnis ist 1:1, im Winter, damit nichts einfriert und im Sommer, um die Maschine vor Korrosion und Abrieb zu schützen. Dann ist der Keilriemen dran. Wenn der nämlich während der Fahrt reißt, geht nur noch eines: anhalten.

09:00 Joschi Horvath und Peter Kleinhempel sind die Techniker bei Riedel. Sie springen immer dort ein, wo Not am Mann ist. Heute früh reparieren sie die Wasserleitung der "Spree-Blick". Das ist das Café-Schiff an der Hansabrücke in Moabit. Sie klettern in ein kleines, grünes Plastikboot, um den Wasseranschluss am Schiff zu erreichen. Dort schrauben sie mit zwei Rohrzangen, bis der alte Schlauch vom Anschluss entfernt ist. Dann den neuen Schlauch befestigen und zurück an Land, um das andere Ende dort am Wasseranschluss festzumachen. Schließlich stellt Joschi Horvath das Wasser wieder an. Es spritzt. "Die alten Anschlüsse sind angegammelt", ruft Horvath. Jetzt schnell zum Baumarkt, um Ersatzteile zu kaufen.

09:45 Kai Köhler ist inzwischen fertig mit der Wartung seines Schiffs. Er zieht den Blaumann aus und die Hose an, klettert aus dem Maschinenraum, geht an Deck und startet. Die "Kreuzberg" legt ab und fährt gemächlich - einfach am Stau der Autos vorbei - hinüber zum Hauptbahnhof.

10:15 Die Hansabrücke birgt im Brückenpfeiler ein Warenlager. Sogar mit Kühlraum. Disponent Erich Nitschke ist der Boss. "Manchmal kommen acht Lieferanten auf einmal", sagt der 59-Jährige. "Oft sind sechs oder sieben Tonnen Waren zu bewegen." Schließlich muss jedes Schiff genug Vorräte an Bord haben. Heute ist das Schnapsregal leer, weil am Vorabend eine Party vom Freilufttreff "Strandgut" auf einen der Dampfer verlegt worden war. Alle Getränke waren an Bord gebracht worden, die Mitarbeiter mussten eine Extraschicht einlegen.

10:45 Die Reederei hat auch ein Ersatzteillager. Es befindet sich in der Schöneberger Bülowstraße. Auf 600 Quadratmetern sind die Stücke aufgereiht und in Regalen sortiert. Von der riesigen Schiffsschraube bis zum kleinen Elektro-Kabel: "Nichts ist schlimmer, als wenn am Wochenende ein Schiff kaputt geht und man es nicht fortbewegen kann", sagt Lutz Freise, Geschäftsführer der Reederei Riedel. In der Bülowstraße arbeitet auch sein Schiffstischler, Halim Kayacan. Der 64-Jährige hat in der Türkei Bootsbauer gelernt. Er zimmert ein Küchenregal für die "Spree-Athen". Es muss im Ersatzteillager alles nach Maß gearbeitet werden.

11:15 Im Wasserschloss in der Schlesischen Straße befindet sich das "Ostlager". Eigentlich eine ideale Partylocation: Direkt an der Spree, Fußboden in Wasserhöhe, weite Bogenfenster. Andreas Jahn sortiert die Wäsche in große, graue Metallregale. Die Tischwäsche wird in der "Union sozialer Einrichtungen" gereinigt. Das ist eine gemeinnützige GmbH, ein Netzwerk mit Betrieben, in der behinderte Menschen arbeiten. Am bekanntesten ist wohl die Blindenwerkstatt.

12:15 Das "East Side Blick" an der Anlegestelle ist ein Imbissrestaurant der Reederei Riedel in einem Haus aus sieben Containern. Es steht direkt an der East Side Gallery, nahe der O2 World. Eine Goldgrube. Ungefähr 2000 Besucher sind pro Tag zu Gast. Gerade war es noch ruhig, aber plötzlich platzen 25 lärmende Schüler herein. Klassenfahrt aus London. Koch Erhan Gümüs rotiert.

13:30 Im Containerhaus befindet sich auch ein Souvenirshop. Sabine Lünert macht die Kasse. Die 45-Jährige verkauft Mauersteinchen, Eiskrem, Süßigkeiten und natürlich Fahrkarten für Bootsfahrten, ein Schweizer Paar kauft gleich acht Stück.

14:45 Auf der Baustelle zwitschern die Vögel. Viele Arbeiter haben schon Feierabend. In der Nalepastraße in Oberschöneweide entsteht die neue Firmenzentrale der Reederei Riedel, zwischen dem ehemaligen Kraftwerk Rummelsburg und dem früheren Zentralgebäude des DDR-Rundfunks. Christoph Werner leitet die Bauarbeiten: "Ich bin hier der Haus- und Hofnarr, der zwischen den Fronten immer leiden muss", sagt er und grinst. Er steht auf umstrittenem Grund. Das Erdreich war nämlich mit Mineralöl verseucht worden und muss bis zu einer Tiefe von etwa sieben Metern entfernt werden. Bis alles fort ist, riecht es noch stark nach Öl. Die Sanierungskosten werden bei 1,5 bis drei Millionen Euro liegen. Dem Vernehmen nach hatte der Vorbesitzer das ganze Gebiet von Berlin und anderen öffentlichen Eigentümern gekauft. Anders als verabredet, hatte er aber nichts saniert, das Filetstück allerdings an die Reederei verkauft.

15:30 Der neue Firmensitz ist noch eingerüstet, in den nächsten Tagen wird das Gerüst aber abgebaut, Christoph Werner steigt auf das Dach und schaut, wie die Fassadenbeleuchtung angebracht werden muss. Energie kommt von einer Photovoltaikanlage.

16:00 Geschäftsführer Freise öffnet sein Büro am Kreuzberger Planufer. Schon die alten Eigentümer und Gründer hatten dort ihren Sitz. Von ihnen stammen auch die imposanten, geschnitzten Figuren, ein schweres Steuerrad und die Glocke im Schaufenster. Damals hatte im Erdgeschoss des Hauses ein fideler Beerdigungsunternehmer sein Geschäft. "Wenn der mal richtig Einen getrunken hatte, hat er auch mal im Sarg geschlafen", sagt Lutz Freise.

17:00 Matrose Imdat Sahan schreitet die "Spree-Diamant" ab. Er will im kommenden Jahr Schiffsführer werden. Er wäre dann der einzige türkische Dampferkapitän Berlins. Die "Spree-Diamant" ist das modernste Schiff der Reederei. Es hat extra-große Fenster und einen modernen Rußfilter. Schiffsführer Torsten Rakow steuert es unter den Brücken des Landwehrkanals Richtung Corneliusbrücke. Dort legt er an und macht eine Pause.

19:00 Dann geht zur abendlichen Brückenfahrt auf die Seewege Berlins. "Das ist immer meine Lieblingstour", sagt Schiffsführer Rakow und schiebt sich entschlossen seinen Leinenhut aus der Stirn.