Film: Klitschko

So herrlich sackt der Körper weg

| Lesedauer: 2 Minuten
Elmar Krekeler

Warum machen die das? Als die Frage endlich im Raum steht, gestellt von einem halbblinden Ex-Weltmeister, dem auch vier Operationen das Augenlicht nicht haben wiederbringen können, hat man schon fast aufgegeben, auf sie zu warten.

Eine Stunde lang hatte Sebastian Dehnhardt in seinem Dokumentarfilm die Geschichte der Brüder Klitschko erzählen lassen. Man hatte in Zeitlupe bewundern können, zu welch seltsamen Faltenwürfen menschliche Gesichtshaut doch fähig ist, wenn der Schädel mit voller Wucht von einer Faust getroffen wird. Menschen waren durch die Gegend getaumelt. Blut war geflossen aus aufgeplatzten Augenbrauen, so tief wie der Mariannengraben. Und immer, immer wieder sackte ein Körper weg. Warum machen die das?

Um aufzusteigen , sagt Lamon Brewster, der halbblinde Boxer, aus irgendwelchen Slums, das wäre ja okay, weil einem sonst nichts übrig bleibt. Aber diese weißen Brüder aus der Ukraine, die hätten doch auch anders aufsteigen, hätten Ärzte werden können, Anwälte, die sind doch promoviert, warum üben die sich in einem Sport, der - nüchtern und ohne kulturphilosophischen Firlefanz betrachtet - nichts anderes ist als legalisierte Körperverletzung. Lamon Brewsters Frage steht also im Raum. Und da bleibt sie unbeantwortet stehen. Neben ein paar anderen.

Zwei Jahre hat Dehnhardt die Klitschkos begleitet. Er hat mit der Familie gesprochen, mit Trainern, Managern, Ärzten, Gegnern, Freunden, Experten. Eher zufällig kriecht der Film unter die sorgfältig und meisterhaft polierte Oberfläche des Systems von Dr. Steelhammer und Dr. Eisenfaust. Kritische Nachfragen hat man sich wohl verbeten. Lücken werden gelassen, Türen bleiben geschlossen - Vitalis Dopingaffäre wird mit keinem Wort erwähnt, vom Studium, von der Promotion kein Wort wie vom Programm des Politikers Vitali Klitschko.

Die versammelten Box-Weisheiten stammen allesamt aus dem Reich der Binse. Zeitgeschichtliche Betrachtungen laufen darauf hinaus, dass es in der Ukraine der Neunziger eine Phase der Gesetzlosigkeit gab. Und immer wieder betritt die Dokumentation beherzt das Gebiet der Hagiografie. "Klitschko" ist ein Multifunktionsfilm. Er ist ein Brüderfilm (darin ist er großartig), eine Zeitgeschichte (darin ist er weniger großartig) und er ist ein Boxfilm. Darin ist er auch großartig.

Wenn man halt nicht fragt, warum zwei intelligente junge Männer die beste Zeit ihres Lebens mit dem Verdreschen gewaltbereiter Gegner (und mit Verdroschenwerden, versteht sich) verbringen. Weil Boxen wie Schachspielen ist, ist die Antwort, die am Ende bleibt. Und weil es wie das Leben ist. Man muss aber eine massive Testosteronstörung haben, um das zu glauben.

Dokumentation: Deutschland 2011, 118 Min. Regie: Sebastian Dehner.

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