Film

Kurt Krömer zwischen Grazie und Komik: "Eine Insel namens Udo"

| Lesedauer: 3 Minuten
Josef Engels

Vor etwas mehr als 250 Jahren erfand der Belgier Jean-Joseph Merlin die Rollschuhe. Bei einem Maskenball versetzte er das Publikum in Erstaunen, weil er gleichzeitig Geige spielen und elegant durch den Raum schweben konnte. Leider hatte der gute Mann keinen Gedanken an Bremsen verschwendet. Merlin rummste mit voller Wucht in eine Spiegelwand.

Schnell zeigte der Rollschuh also sein ganzes Potenzial: gleichzeitig ein Instrument erhebendster Grazie und niederschmetterndster Komik zu sein. Eine Kombination, die ziemlich genau den fein austarierten Balance-Akt des Kino-Debüts von Markus Sehr umschreibt.

In "Eine Insel namens Udo" geht es um einen jungen Mann, der unter einer weit verbreiteten, aber kaum dokumentierten Krankheit leidet: Er wird von anderen Menschen nicht wahrgenommen. Es ist so, als wäre er Luft. Er hat aber aus seinem Schicksal das Beste gemacht: Als Kaufhaus-Detektiv, der sich aus dem Nichts an Delinquenten heranpirscht, ist er die perfekte Wahl. Er ist so unscheinbar, dass er an seinem Arbeitsplatz übernachten kann. Nachts allein in der Warenwelt, mit einem fürstlichen Büffet in der Lebensmittel-Etage - das wirkt wie die Erfüllung eines Kindheitstraums. Wenn dieser Udo nicht ein einsamer Tropf wäre. Udos Leben ändert sich, als ihn jemand sehen kann: Die seelenverwandt kauzige Hotelmanagerin Jasmin (Fritzi Haberlandt). Mit dem Nachteil, dass der verliebte Udo plötzlich auch für alle anderen sichtbar wird.

Kurt Krömer spielt diesen Udo. Aber man erkennt ihn kaum. In seiner ersten Kinohauptrolle wurden dem Berliner alle Neuköllnismen verboten und die dicke Brille weggenommen. Er trägt zwar eine dämliche Frisur und ist auch nicht wirklich vorteilhaft gekleidet - dennoch sieht man hier nicht das dreiste Krawallmännlein Kurt Krömer, sondern wahrhaftig einen Schauspieler. Während andere deutsche Spaßvögel versuchen, ihre Bühnen-Persona mit einer um sie herum gestrickten Handlung auf die Leinwand zu retten, beschleicht einen in "Eine Insel namens Udo" das Gefühl: Zuerst war hier eine Story da und erst dann die Überlegung, wer für ihre Verfilmung geeignet wäre. Krömer zu wählen, funktioniert überraschend gut. Zumal ihm mit Fritzi Haberlandt eine passgenau linkische Partnerin zur Seite steht.

In "Eine Insel namens Udo" sind die Bilder wichtiger als die Witze. Während die verbalen Gags oftmals eher daneben gehen, erwärmen die visuellen Ideen das Herz: Zu erwähnen wären da ein Rollschuh-Pas-de-deux und, am schönsten, die Geliebte in der Tiefkühltruhe. Dort muss sich Jasmin in der ersten Liebesnacht vor dem Wachdienst verstecken. Als die Gefahr vorüber ist, hebt sie Udo zart aus der Gemüsegefriertruhe: Schneewittchen in der Lebensmittelabteilung. Das ist komisch und anrührend zugleich. Und im wahrsten Sinne romantisch.

Wie sehr sich "Eine Insel namens Udo", diese romantische Komödie mit leichter Mystery-Schräglage, von dem unterscheidet, was das deutsche Kino lustig zu finden glaubt, zeigt sich auch an den Nebenrollen: Selbst die obligatorische deutsche Komödientunte darf würdevoll agieren. Anstelle des Holzhammers bevorzugt Regisseur Sehr das wunderliche Detail. Und findet so zu einer Balance zwischen Albernheit und Melancholie.

Komödie: Deutschland 2011, 80 Min., von Markus Sehr, mit Kurt Krömer, Fritzi Haberlandt, Jan Gregor Kremp, Bernd Moss, Kari Ketonen

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