Berlin genießen

Ganz in Weiß

Am heutigen Sonnabend um 19.30 Uhr wollen sich mehrere Tausend, ganz in Weiß gekleidete Menschen zu einem exklusiven Abendessen unter freiem Himmel treffen, dem "Diner en Blanc". Ursprünglich stammt die Idee des Freiluftessens mit Gleichgesinnten aus Paris. Es findet jetzt zum zweiten Mal in Berlin statt.

Der eigentliche Witz an der Sache ist: Bis kurz vorher weiß man nicht, wo das exklusive Essen stattfindet.

Das erfährt die angemeldete Gemeinschaft erst am Nachmittag über Facebook, das soziale Netzwerk im Internet. Dort konnte man sich seit einigen Wochen für dieses Ereignis anmelden. Mehr als 2500 Registrierungen liegen bei Facebook für das spektakuläre Abendessen vor. Eine davon ist die von Schauspieler, Dschungel-Camp-Gewinner und Restaurant-Besitzer Peer Kusmagk, der schon seit vielen Tagen gespannt diesem eigenwilligen Erlebnis entgegen fiebert. Für ihn macht die Mischung von Savoir vivre, einem einheitlichen Dresscode in der edlen Modefarbe Weiß und die Organisation über das Internet die besondere Attraktivität des Diner en Blanc aus.

In Berlin sollen gegen 17 Uhr über Facebook die Treffpunkte bekannt gegeben werden. Von dort aus werden mehrere Gruppen zum Ort des Dinierens gelotst. Sollte das Wetter nicht optimal sein, hat man "auch dafür Vorsorge getroffen", versichern die anonymen Veranstalter im Internet. Sie halten sich wohl auch deshalb bedeckt, weil das Diner nicht legal ist. Denn eigentlich ist die Veranstaltung, wenn sie nicht in einem Park stattfindet, eine Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes, wie es im Behördendeutsch heißt. Und so eine Sondernutzung müsste angemeldet werden, erklärt eine Mitarbeiterin des Baustadtrats im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Verschworene Gemeinschaft

Wie andere Gleichgesinnte sehnt sich der 35-jährige Peer Kusmagk, der in Kreuzberg das französisch inspirierte Restaurant "La Raclette" betreibt, nach "kulinarischem Beisammensein mit Stil". Menschen, die sich in Gruppen lärmend betrinken, gäbe es genug. Außerdem findet er es spannend, "Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein". Dazu gehört das geheimnisvolle, abenteuerliche Moment, erst kurz zuvor zu erfahren, wo genau das Fest steigt. Für den Genuss-Event ist Peer Kusmagk gerüstet. Er will delikate Vorspeisen und Käse aus Frankreich mitnehmen, zudem Baguette und einen guten Weißwein.

Begonnen hat das wunderliche Schlemmer-Vergnügen in Weiß der Legende nach 1988 in Paris. Eine viel zu gut besuchte Gartenparty mit zahlreichen weiß gekleideten Gästen sei kurzerhand in den Bois de Boulogne verlegt worden. Das gesellige Spektakel fand bald großen Anklang unter den Teilnehmern und wurde zur festen Institution in Frankreichs Hauptstadt. Per Mundpropaganda verabredet, dinierte fortan in jedem Sommer ein Kreis von zuletzt 8000 weiß gekleideten Feinschmeckern an touristischen Brennpunkten wie etwa vor dem Louvre oder auf dem Champs-Élysées.

Inzwischen haben die abendlichen Genießer zahlreiche Nachahmer gefunden. Im vergangenen Jahr gab es am 29. Mai das erste Diner en Blanc in Berlin mit etwa 400 Teilnehmern auf dem Bebelplatz. Anja Schröder aus Mitte war dabei. "Mein Freund hatte schon in Frankreich davon gehört. Als wir im Internet lasen, dass es auch in Berlin ein Diner en Blanc geben werde, haben wir uns mit vier Freunden sofort angemeldet", sagt die 33-Jährige. Besonders beeindruckend sei die "Karawane weiß gekleideter Menschen" gewesen, die fröhlich auf den Bebelplatz strömte. "Diesmal wird unsere Gruppe größer sein, wir kommen zu zwölft." Neben Tapeziertischen, Stühlen und weißen Tischdecken werde Champagner, Weißwein und Käse-Fondue mitgenommen. "Das ist unkompliziert zu transportieren und einfach zuzubereiten", sagt Anja Schröder.

Auch Peter Betz gehörte 2010 zu den 400 Teilnehmern. "Es war gigantisch", schwärmt er noch heute. Eine Woche zuvor seien ihm im Tagestakt Informationen zugesandt worden. "Das erhöht die Spannung." Am Tag der Veranstaltung ging man los, mit dabei Klapptische und -stühle, Sekt, Weißwein und Rosé sowie Picknick-taugliche Viktualien wie Käse, Roastbeef und Salate. "Die Stimmung war hervorragend", erinnert sich Betz. Schnell sei man mit den Tischnachbarn ins Gespräch gekommen, habe Leckereien ausgetauscht und einen "wunderbaren Abend vor einer unvergesslichen Kulisse mit Staatsoper und Hedwigskathedrale verbracht". Am meisten aber imponierte Betz damals, "dass um Punkt 23 Uhr alle Gäste eingepackt und kein bisschen Müll zurückgelassen haben".

Ganz Deutschland sitzt draußen

Außer in Berlin speisen in Deutschland Diner-en-Blanc-Fans auch in München, Frankfurt am Main, Hannover und Darmstadt. In Köln trifft man sich zur abgewandelten Edelvariante eines luxuriösen Menüs unter dem Motto "Diner Blanc en Chapeau" mit Silberbesteck und vier exklusiven kalten Gängen. Doch müssen es keinesfalls immer die besten Gerichte, die edelsten Getränke sein, die aufgetischt werden. Bei gutem Wetter mit Freunden und Fremden an wackeligen Einfach-Möbeln im Biergarten zu sitzen, ist Spaß genug. Seit Jahren wächst die Zahl der Berliner Biergarten-Sitzplätze. Ob in angesagten Strandbars, klassischen Biergärten, vorzugsweise am Wasser oder beim Rheingauer Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz, zu dem man sein Essen mitbringen kann: Unter freiem Himmel zu tafeln kommt bei Jung und Alt gut an. Egal, ob es dabei rustikal einfach oder elegant festlich zugeht.

Und auch drinnen ist das Essen an langen Tischen für viele Berliner nichts Außergewöhnliches. Etwa in den Betriebs-Kantinen der Stadt. Oder in den riesigen Mensen der Universitäten. Da sinkt die Berührungsangst, auch mal abends neben Fremden zu speisen. So wird in der Berliner Gastronomie ebenfalls getafelt. Einer der ersten Wirte, die Gäste an lange Tische und Bänke setzte, war Promi-Wirt Roland Mary in seinem Restaurant Pan Asia an der Rosenthaler Straße in Mitte. Das Konzept startete der Gastronom, der wohl am bekanntesten als Betreiber des Borchardt ist, Mitte der 90er-Jahre. Es funktioniert noch immer. Selbst die hohe Politik hat die Attraktivität gemeinsamen Speisens an langen Tafeln erkannt. Nicht nur bei Banketts, auch bei bürgernahem Essen und Trinken in großen Gruppen. So traf sich im vergangenen Jahr Bundespräsident Christian Wulff anlässlich seiner Amtseinführung mit 1500 Bürgern zur schon traditionellen "Tafel der Demokratie" auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor.