Film: Beginners

Von unsren Vätern können wir noch viel lernen

Die Mutter ist gerade gestorben, da offenbart der Vater seinem Sohn, dass er homosexuell ist. Und dies nach einer 45-jähriger Ehe, die übrigens in klarem Wissen von der Frau gewollt, ja sogar vorgeschlagen wurde. Jetzt, mit 75, startet der Vater noch mal zu neuen Ufern, mit neuem Partner.

Doch der späte Neubeginn bleibt ein kurzer, denn prompt wird Krebs diagnostiziert und dem Vater bleibt nur noch wenig Zeit.

Das klingt nach Problemfilm. Nach zähem Sterbedrama. Man erwartet auch ein spätes Coming-Out-Drama mit all den Repressalien und Heuchelmoralisten der fünfziger Jahre. Doch nichts davon findet sich in diesem Film, und der Vater, dies ist die zweite Überraschung, spielt dabei auch nur die zweite Geige. Denn "Beginners" handelt vor allem von dem Sohn. Das hat einen guten Grund: Mike Mills, Künstler, Werbe- und seit kurzem auch Spielfilmer ("Thumbsucker"), ist genau dies passiert. Andere gehen auf Reisen oder zum Therapeuten, um mit einem solchen Verlust umzugehen. Mills hat auf seine Art Trauerarbeit geleistet. Übrigens ein deutsches Wort, das nur schwer zu übersetzen ist, das ihm aber im persönlichen Gespräch sehr gefallen hat, gerade auch im Hinblick auf den Film. Wer nun eine ganz persönliche Aufarbeitung erwartet, wird aber noch einmal überrascht. So viele Überraschungen.

Der Sohn heißt nicht Mike, sondern Oliver. Er wird von Ewan McGregor gespielt, der sich wohl einen Spaß daraus gemacht hat, Mills in Mimik und Gestik zu imitieren. Und die Zeichnungen, die er im Film als Grafiker anfertigt, stammen in Wirklichkeit vom Regisseur. Doch damit enden auch die Parallelen. Oliver lernt nach dem Tod des Vaters eine französische Schauspielerin (Mélanie Laurent) kennen, eine Boy-meets-Girl-Geschichte, die nichts mit Mills zu tun hat, sich aber auf interessante Weise mit der Vater-Sohn-Beziehung verbindet.

"Beginners" ist nämlich nonlinear erzählt und pendelt nicht nur zwischen seinen zwei Handlungsebenen, diese befruchten sich auch gegenseitig. Ohne den späten Neubeginn seines Vaters würde sich der verschlossene Oliver gar nicht für Anna öffnen. Doch erst durch sie (und ihre verkorkste Beziehung zu ihrem Vater) lernt er das besondere Verhältnis zu seinem Dad verstehen.

"Beginners" ist also weder eine Homo- noch eine Heterogeschichte, sondern ein berührender Film über Um- und Aufbrüche, mit der tröstlichen Botschaft, dass es dafür nie zu spät ist und dass wir auch von unseren alten Herren in Sachen Lebensmut noch viel lernen können.

Mills hat für seinen Film so charismatische Mimen wie McGregor und Christopher Plummer gewonnen, er hat sie bestärkt, sie ganz zu ihren Figuren zu machen - um keine persönliche, sondern eine allgemeingültige Geschichte über Väter und Söhne zu erzählen. Und Mills hat sie mit fast magischem Realismus angefüllt: mit feinem Humor, hübschen Ideen wie jener, dass sich das junge Paar erstmals auf einem Kostümball als Charles Chaplin und Sigmund Freud begegnen, mit Gedankensprüngen Olivers, die den Erzählfluss unterbrechen und kommentieren, und nicht zuletzt mit einem sehr beredten, untertitelten Hund.

Tragikomödie: USA 2010, 105 Min., von Mike Mills, mit Ewan McGregor, Christopher Plummer, Mélanie Laurent

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