Berliner Perlen

Mal hineinschnuppern

"Ich suche etwas mit Holznote." Der Kunde im eleganten Anzug schaut suchend auf die Rasierwasser-Flakons im "English Scent", der stilsicher schlichten Duftdestille von Lothar Ruff. Man mag den hellen Laden an der Goethestraße mit seinen alten Regalschränken, Dekortischen und Flechtstühlen nur ungern eine Parfümerie nennen. Alle Assoziationen mit Duftwasserketten verbieten sich hier.

"Fangen wir mal mit Sandelholz an", sagt Ruff und reicht dem schnuppernden Kunden ein Fläschchen mit grün-rosa Etikett: "D.R. Harris - Sandalwood." Die Harris Ltd., gegründet 1790, produziert ihr After Shave heute wie am ersten Tag mit natürlichem Sandelholz-Öl, ohne synthetische Zusätze. Ruff handelt nur mit solch alten englischen Kompositionen aus Zeiten, in denen Parfums schlicht eine Frage der Notwehr gegen die olfaktorischen Zumutungen der Städte waren.

Mancherorts kann noch heute das richtige Parfüm durch den Alltagsgestank helfen. Wenn etwa in der Frühlingshitze der Duft von Gosse und Döner in der Luft liegt, hilft Damen wie Herren "Somerset" mit seiner Aura von Bergamotte, Limone und Zeder. "Und dann haben wir hier noch Park Royal", sagt Lothar Ruff zu seinem Kunden. "Es hat das Aroma eines feuchten Herbstparks." Eine Beschreibung, die bei Kunden auch leicht Erinnerungen an den Geruch des abendlichen Grunewaldsees wecken könnte.

Inselwind und herbes Blattwerk

Die Kreationen im "English Scent" erschließen sich nicht immer beim ersten Einatmen. Wer dort auf Sinnesreise geht, braucht Geduld. "Ob ein Parfum zur Person passt, zeigt sich erst nach ein oder zwei Stunden", sagt Lothar Ruff und erklärt am leichten Sommerduft "Isle of Man", warum das bei sorgfältigen Kompositionen auch so sein muss. Sie haben aufeinander abgestimmte Kopf-, Herz- und Basisnoten. Entkorkt Ruff die "Isle of Man", entströmt dem Flakon eine Brise Inselwind: Zitrusaromen, Gewürze und herbes Blattwerk. "Nach dieser Kopfnote setzen sich Orange, Kardamom und Pfeffer als Herz durch, die zur aromatischen Basis aus Zedernholz überleiten." Wenn Lothar Ruff über englische Traditionsdüfte redet, klingt das nach Weinverkostung.

Im Gegensatz zum Personal in Parfümerieketten steht im "English Scent" ein 65jähriger Theatermann hinter dem Tresen. Bis 1994 war Ruff Chefdramaturg im Renaissance-Theater. Dann eröffnet er sein Königreich der Düfte. "Ich habe schon als Kind an den Flakons meiner Mutter gerochen und später selbst viele Parfums gesammelt", sagt er. Lothar Ruff zählt auf, wer einst die Düfte seines Ladens trug. Etwa der britische Premierminister Winston Churchill, dessen favorisiertes Eau de Toilette "Blenheim Bouquet" aus dem Jahr 1902 er genauso führt, wie die Favoriten von Maria Callas oder Arthur Rubinstein. Das "Hammam-Bouquet" indes wurde 1872 für einen türkischen Sultan kreiert. All diese Fläschchen mit ihren geheimnisvollen Flüssigkeiten wirken wie aus der Zeit gefallen und könnten genau so schon in den Luxusabteilen des Orient Express' gestanden haben.

Lothar Ruff bietet nicht nur die Kompositionen alter britischer Firmen wie "Penhaligon's" (1870) oder "Floris of London" (1730) an, sondern auch Düfte, die sonst längst verschwunden wären. Und das kam so: 1999 wurde die Traditionsmarke "The Crown Perfumery" vom englischen Edeleinrichter Clive Christian aufgekauft, der eher an der Marke als an den Produkten interessiert schien. Ruff war empört und gründete 2003 mit einer englischen Freundin seine Hausmarke "Anglia-Parfumery". Über eine Manufaktur auf der Insel lässt er seitdem nachkomponieren, was sonst an "Crown"-Aromen längst verloren gegangen wäre.

Der Spagat zwischen Tradition und Moderne gelang via Internet, wo er ein Gutteil seines Verkaufs abwickelt. Da gibt es auch duftende Papiereinlagen für den Kleiderschrank und Bürsten für Kaschmirkleidung. Wer fünf Euro überweist, bekommt fünf Probedüfte zugesandt.

Etwa Gary Coopers Favorit "Marquis", eine herb geratene Mixtur, von der Ruff aber sagt, man solle sich nicht von dem ersten Eindruck überwältigen lassen. Während Clive Christian unter dem alten Crown-Label inzwischen stolz das teuerste Parfüm der Welt für 195 000 Euro je Ampulle bewirbt, verkauft Ruff die Grundidee der Crown-Düfte für 30 Euro im schlichten schwarz-weiß Look. Ganz ohne Krönchen.

Wälder von Windsor

Lothar Ruffs Kundschaft lässt sich nicht einfach kategorisieren. Eine Dame ordert die übliche Rasiercreme für ihren Mann, "den Herrn Professor", wie sie sagt. Ein eher szeniger junger Mann mit Vollbart und Röhrenjeans langt dagegen fachkundig nach dem Duft namens "Amber". Der noch unentschlossene Herr im Anzug, dem der eingangs nahegelegte Park-Geruch offenbar nicht ganz behagt hat, versucht sich noch einmal an den Wäldern von Windsor, den "Woods of Windsor".

"Was meine Kunden eint", sagt der einstige Theatermann mit Stolz, "ist wohl eine Art Individualismus. Ganz unabhängig vom Einkommen." Am Ende wählt nun der zögerliche Kunde neben einem neuen Dachshaarpinsel auch seine angestammte Rasierseife. "Wenn ich die in der Porzellanschale anrühre", sagt er, "dann weiß ich, dass ich zu Hause bin."

The English Scent Goethestraße 15, Charlottenburg, Tel. 324 46 55, www.english-scent.de ., Mo., Di., Do., Fr. 10-14 Uhr, 15-18.30 Uhr, Mi. 14-18.30 Uhr, Sbd. 10-15 Uhr