Gourmetspitzen

Weiße Pizza und leichte Sommerweine im Tiergarten

Ein Frühling mit gelegentlich hochsommerlichen Temperaturen. Da sind Berliner Nächte noch mal so schön. Auch für überzeugte Genussmenschen unter Berlins Restaurant-Gängern schafft dieses Wetter Situationen, in denen selbst göttliche Drei-Sterne-Küchen chancenlos gegen einfache Steaks oder Garnelen vom Holzkohlegrill unter freiem Himmel sind.

Jetzt, da über der Hauptstadt die Sonne lacht, ist die häufig gestellte Frage, wo man am schönsten draußen sitzen kann. Die ultimative Empfehlung für die Saison ist das Café am Neuen See, zu dem Bistro und Biergarten gehören. Es wird kurz CANS genannt.

Die Vorspeisen sind dabei bewusst einfach gehalten: eine toskanische Landplatte beispielsweise mit verschiedenen italienischen Salamisorten, Oliven und Parmesan. Oder das Vitello Tonnato mit Kapernkirschen. Der Picandou, ein französischer Ziegenkäse, wird auf Kürbiskernbrot mit Honig überbacken und auf Rucola-Salat angerichtet. Kleinigkeiten wie Bio-Pellkartoffeln mit Fassbutter, Meersalz und Frühlingslauch oder Krautsalat mit Tiroler Bauchfleisch und Kümmel (beide Gerichte für jeweils 5,50 Euro) werden ebenso offeriert wie eine breite Pasta- und Grillgut-Palette.

Im CANS geht man vor allem im abgetrennten Service-Bereich mit der kulinarischen Zeit. Mir hat die umfassende Spargel-Karte mit erstklassigem Beelitzer Produkt und der passenden Weinempfehlung gefallen. Die Kombinationen sind dabei weniger originell, aber passend: hausgebeizter Lachs, Rosmarinschinken und Sauce Hollandaise sind die üblichen Geschmacksgarnituren.

Einfach und ohne spektakuläre Ausflüge wird die Pizza aus dem Steinofen serviert, eine der besten in der Stadt, hauchdünn und splitterkross. Ich bevorzuge die "weiße" Version mit Lachs, Hummerkrabben, Blattspinat, Salbei, Creme fraîche und Dill. Bei den Gourmetküchen hilft die Quersumme der gastronomischen Bewertungen zur Einordnung. Beim Besuch eines Sommerrestaurants dagegen stehen Atmosphäre und Wohlfühl-Service verbunden mit dem Blick in die Natur im Vordergrund.

Hier fällt der Tag mit Hektik und Problemen ab. Mitten in der City und dabei tief im Grünen. Auf dem See darf gerudert werden. Ein idyllisches Fleckchen. Während im Biergarten der Gerstensaft, Leberkäse und Brezeln dominieren, wird im Service-Bereich à la minute angerichtet. Wer fragt da nach großer Kochkunst? Wichtig neben der Atmosphäre sind gute Grundprodukte, sauber verarbeitet.

In extrem natürlicher Form des Garens wird im Café am Neuen See viel mit dem Flammen- und Lavasteingrill gearbeitet. Ein Frischlingssteak, 24 Stunden mariniert, wird butterzart zubereitet und mit Bamberger Hörnchen, Kräuterbutter und Salat serviert. Vom Flammengrill kommen die Freilandhähnchen und die Milchlammschulter vom Müritzhof. Lachs mag phasenweise zum Allerweltsgericht verkommen sein, hier sorgt die Küche mit ungewöhnlichem Zusammenspiel der Aromen für Abwechslung: Koriander, Fenchel und Avocadosalsa peppen den Zuchtfisch auf.

Roland Mary ist der Inhaber, der die Gastronomie immer wieder belebt. 2010 wurde er von der Aktionsgemeinschaft Berlin-Partner zum gastronomischen Innovator der Hauptstadt gekürt. Ganz gleich, ob im Borchardt bei seinen Catering-Terminen oder hier, ist er der Gesprächspartner, den die Gäste suchen. Nur das San Nicci in der Friedrichstraße hat er jüngst geschlossen.

Für Naturfreunde, die den Morgen als die schönste Zeit ansehen, wird ab zehn Uhr Frühstück serviert. Da ich für Sie nicht nur Sterne-Zaubereien präsentiere, ein paar Details aus dem Frühstücks-Alltag: Vom einfachsten "Continental" (3,90 Euro) reicht die Palette bis zum "Frühstück am See" mit Lachs und Heilbutt, Parmaschinken, luftgetrockneter Salami, marinierten Shrimps, angemachtem Frischkäse und Bio-Eiern. Damit wird ein Morgen zum guten Morgen. Was ich witzig finde: Langschläfer müssen nicht auf die Uhr sehen. Die "erste" Mahlzeit des Tages wird bis 16 Uhr serviert.

Nun sollte man meinen, in Biergarten-Atmosphäre dominieren die Biere. Total falsch ist das nicht, aber die durchdachte Karte mit einer Zusammenstellung von leichten Sommerweinen, süffigen Rosés, aber auch ein paar richtig guten Cabernet Sauvignons runden das Programm ab. Herausragend ist für den Nachmittag die voluminöse Kaffee- und Teekarte. Der Kaffee wird mit etlichen Wässerchen parfümiert, von Grappa bis Amaretto. Der Service im separaten Freiluft-Restaurant ist wie man es aus der Biergarten-Werbung kennt, locker aber freundlich. Da können wir nur noch auf eine lange Reihe von sonnigen Tagen hoffen.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Café am Neuen See , Lichtensteinallee 2, Tel. 254 49 30, geöffnet ab 10 Uhr, Küche 10-23 Uhr, Karten: AE, MC, Visa, EC