Zwölf Stunden

Zum Mittagessen gibt es Bach

Proben, Stars und ein kostenloses Konzert: Vom Jungtalent bis zum Spitzendirigenten zeigt das Stammhaus der Berliner Philharmoniker, wie musikalisch die Stadt ist

08:55: Manja Lorenz macht die Lichtprobe. Die 29-Jährige sitzt vor einem riesigen Schaltbrett an der Wand der Brandmeldezentrale und begutachtet kleine rote Lämpchen, die anzeigen, wo in der Philharmonie das Licht leuchtet: Durchgangslicht, Konzertlicht, Putzlicht. Als Wachinspektorin muss sie jederzeit wissen, was bei Alarm zu tun ist. Wenn sie Nachtschicht hat, ist ihr manchmal gruselig zumute. "Ich mag zwar diese stille Stimmung auf den Rundgängen", sagt Manja Lorenz. "Aber manchmal knackt die Bühne plötzlich laut oder im Foyer geht die Eismaschine des Caterings an. Dann kriege ich einen Riesenschreck."

13:00: Heute gibt es J.S. Bach zu Mittag. Es spielt das Ensemble "Les Alchimistes". Beim wöchentlichen Lunchkonzert ist der Eintritt kostenlos, die Helfer im Zuschauerraum arbeiten ehrenamtlich, die Musiker bekommen keine Gage. Das Foyer ist wie immer dicht besetzt. Die Zuhörer lauschen wie gebannt. Paare stehen Arm in Arm, Kinder wirken hypnotisiert. Etwa 1200 Menschen sitzen auf den Freitreppen, lehnen sich an die Ballustraden und blicken auf die kleine Bühne in der Mitte. Im hinteren Teil wird Lunch verkauft: Tomaten-Ratatouille-Gemüse mit Butternudeln und Parmesan. Alexandra Harabasz versucht, jede Woche mit ihrer einjährigen Rosa und dem drei Jahre alten Franciaszek herzukommen. "Die Kinder laufen herum", sagt sie, "und tauchen dabei ein in die Musik."

14:15: Hauselektriker Martin Schmidt rollt im Foyer Scheinwerferkabel ein. Am Fuß der Treppe hebt André Schmidt, Einsatzleiter für die Veranstaltung, Absperrpfosten auf einen Wagen. In der Ecke klappert Catering-Servicekraft Bodo Döring mit seinen Tellern. 300 Stück wurden heute für das Lunchkonzert gebraucht.

14:45: Eigentlich sollte es seit 45 Minuten proben. Doch von dem Bundesjugendorchester (BJO) ist weit und breit keine Spur. Die jungen Musiker zwischen 14 und 19 Jahren werden heute Abend zum Abschluss ihrer Deutschland-Tour in der Philharmonie die achte Symphonie von Bruckner spielen. Statt zu proben stecken sie aber auf der A2 zwischen Helmstedt und Magdeburg mit ihrem Bus im Stau. Das große Abschlusskonzert beginnt um 20 Uhr. Hoffentlich.

15:00: Hermann Bäumer, Dirigent des Bundesjugendorchesters, ist allein gefahren. Nun steht er im Saal und ist überzeugt, dass es trotzdem heute ein gutes Konzert wird. Er weiß, was seine Musiker können. "Es ist zwar durch die Verzögerung eine ungewöhnliche Situation und das hier ist ein wichtiges Haus. Aber ich habe keine Bedenken." Ein bisschen nervös ist er aber doch, weil es für ihn ein besonderer Ort ist. 800 Konzerte hat er im Haus gespielt - als Posaunist der Berliner Philharmoniker. "Und diesmal dirigiere ich hier zum ersten Mal."

15:15: Tonmeister Marco Buttgereit blickt durch sein kleines Studiofenster in den Konzertsaal hinunter, wo jemand leise auf der Orgel spielt. Ganz klein sehen die Techniker auf der Bühne aus. "Die fünfeckige Form des Saales ermöglicht viel mehr als exzellenten Klang", sagt Buttgereit. Die Sitze sind um die Bühne herum angeordnet. "Bei der Planung hat man auch an einen Marktplatz gedacht, auf dem sich die Menschen um einen Musiker scharen." Hinter Buttgereit steht ein drei Meter langes Mischpult. Daran arrangiert er den Ton für die Digital Concerthall der Philharmoniker, mit der ihre Auftritte für die Fans via Internet live hinaus in die Welt geschickt werden.

16:15: Thomas Leyendecker eilt mit seiner Posaune in der Hand durch die Kantine und kauft sich schnell noch eine Cola. Gleich beginnt die Probe. Der 30-Jährige gehört zum Orchester der Berliner Philharmoniker, das gerade von einer Reise zurückgekehrt ist. Zuletzt waren sie in Madrid und Salzburg. Leyendecker spielt seit seinem zwölften Lebensjahr Posaune, stammt eigentlich aus Trier und wohnt zurzeit in Rummelsburg. 15 Posaunen hat er zu Hause. "Und manchmal spiele ich auch heimlich Jazz", sagt er und lacht verschmitzt.

16:30: In zwei Tagen steht Richard Strauss auf dem Programm. Die Berliner Philharmoniker proben mit Gastdirigent Christian Thielemann, dem Generalmusikdirektor der Münchener Philharmoniker. Eigentlich klingt es schon perfekt, aber Thielemann stoppt das Orchester, erklärt seine Änderungswünsche und lässt die letzten Takte noch einmal wiederholen. Anschließend zieht er sich ins Dirigentenzimmer zurück. Der gebürtige Berliner und einstige Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin ist gern in der Philharmonie. "Ich freue mich, dass Berlin einen Saal mit solcher Weltklasse-Akustik hat. Hier hört man sehr gut vom Pult aus - das ist nicht in allen Konzertsälen so."

17:15: Intendant Martin Hoffmann organisiert gerade die Reparatur des Orgel-Spieltisches, als Elisabeth Rauch sein Büro betritt. Sie ist seit Kurzem Praktikantin in der Pressestelle und will sich vorstellen. Hoffmann, ehemals Geschäftsführer von Sat.1 und ein Intimus von Harald Schmidt, heißt sie willkommen. Aufgeregt schüttelt sie dem Mann mit dem großen Namen die Hand. "Ich bin sehr stolz, dass ich in diesem Haus ein Praktikum machen darf", sagt sie.

18:00: Janine Weißenberg hat Gärtnerschreck, Pfingstrosen und Johanniskraut dabei. Die auszubildende Floristin bringt den opulenten Strauß, den Dirigent Hermann Bäumer nach dem Auftritt seiner Konzertmeisterin überreichen wird. Inzwischen ist das verspätete Jugendorchester eingetroffen. Zeit für eine kurze Anspielprobe.

19:45: Julia Noack und Sebastian Wilde sind auf Schulausflug in der Philharmonie. Hinter ihnen liegt eine Einführungsveranstaltung über das Haus. Sie haben sich für heute fein angezogen. "Weil man das so macht, wenn man in ein Konzert geht", sagt Julia Noack.

19:55: Der Vorraum des Konzertsaales füllt sich mit Musikern in schwarzen Anzügen und Kleidern. Das BJO macht sich bereit. Die besten jungen Musiker aus ganz Deutschland. Mit dem Gesicht zum Publikum und dem Rücken an das Dirigentenpult gelehnt, sitzt draußen auf der Bühne bereits Konrad. Der Maskottchen-Teddy des Orchesters reist seit 40 Jahren mit. Konzertmeisterin Julia Knapp aus Bad Nauheim hat Konrad flugs noch in Stellung gebracht. Fynn Leinweber aus Oldenburg und Alexander Tegtmeier aus Köln stehen derweil mit ihren Kontrabässen an der Tür. Sie lieben ihre mächtigen Instrumente. "Ich mag die Vibrationen und den warmen Klang", sagt Alexander Tegtmeier. "Am meisten beim Konzert in H-Moll von Giovanni Bottessini." Aber jetzt gibt es erst einmal Anton Bruckner. Die Musiker betreten die Bühne. Als Letzter erscheint Dirigent Hermann Bäumer im Frack. Es ist die Rückkehr in seine Philharmonie. Konzentriert hebt er die Hände, blickt in die Runde der jungen Talente, und endlich erklingen die ersten Takte.