Interview

"Meine romantische Vorstellung von Berlin"

Der britische Regisseur Joe Wright erklärt seine Liebe zu dieser Stadt - und zur Literatur

Berliner Morgenpost: Berlin steht gerade hoch im Kurs im internationalen Actionkino. Was macht die Stadt so attraktiv?

Joe Wright: Ich will Sie nicht enttäuschen, vielleicht sind es nur die Steuervergünstigungen. Film wird nun mal von Businessleuten geführt. Andererseits hat Berlin ein exotisches Flair, bei all seiner Geschichte. Mir kam es jedenfalls entgegen, dass Berlin im Drehbuch stand. Ich habe eine sehr romantische Vorstellung von der Stadt.

Berliner Morgenpost: Das müssen Sie erklären.

Joe Wright: Mein Vater war ein Puppenspieler und seine erste Frau kam aus Berlin. Er hatte daher eine große Liebe zu der Stadt, ist auch mit seinem Puppentheater oft durch Deutschland gezogen. Ich war also auch öfter hier. Außerdem liebe ich deutsche Stummfilme. Und wenn ich an Berlin denke, denke ich Peter Falk in "Der Himmel über Berlin". Wie er im Flugzeug sitzt und dann öffnet sich diese Stadt. Wenders' Film hat mich sehr beeinflusst in meinem Wunsch, Filme zu machen. Und ich mag die Idee, dass hier Engel auf der Straße sind.

Berliner Morgenpost: Was bringt Sie von Literaturverfilmungen zum Actionfilm?

Joe Wright: Ich mag Charaktere, die wie tumbe Tore sind. E. T., Kaspar Hauser oder eben die Engel bei Wenders: Die wissen nicht, wie die Welt wirklich tickt. Hanna hat kein Gespür für die Unterschiede von schön und hässlich, alles ist nur, was es ist. Das war eine Initialzündung. Und das ganze Action-Zeugs war eine echte Herausforderung, das ist Cinema pur. Ohne Dialog; nur Bewegung und Schnitt.

Berliner Morgenpost: War es schwierig, anzuknüpfen - nach dem Misserfolg Ihres letzten Films "Der Solist"?

Joe Wright: Das war eine echt schmerzvolle Erfahrung. Ich finde, der Film wurde missverstanden. Ich wollte danach alles hinschmeißen und nie wieder Filme drehen. "Hanna" war dann sehr erfolgreich in den USA; das war ein großer Trost. Das ist so lächerlich in den USA. Sie sind ganz unten - und dann wieder ganz oben. Hätte ich "Anna Karenina" einen Tag vor dem Kinostart angekündigt oder wäre "Hanna" nicht erfolgreich gewesen, wäre das nicht so leicht gewesen. Jeder Film kann dein letzter sein. Nach "Hanna" aber waren alle wieder interessiert.

Berliner Morgenpost: Sie kehren also wieder zu Literaturverfilmungen zurück. Wieso gerade dieses nicht eben selten verfilmte Buch?

Joe Wright: Greta Garbo war eine tolle Anna Karenina, aber der Film war schlecht. Von anderen gar nicht erst zu reden. Das ist der erste Grund. Dann habe ich immer gesagt, ich verfilme das, aber nur, wenn Tom Stoppard das Drehbuch schreibt. Und dann hat er es tatsächlich getan!

Berliner Morgenpost: Und drittens?

Joe Wright: Ich hatte nicht viel Bildung in der Schule. Ich war Legastheniker, das hat man erst gemerkt, als ich 15 war. Ich habe daher nie viel gelesen. Später habe ich Jane Austen verfilmt, saß bei "Abbitte" mit Ian McEwan zusammen, jetzt bringt mir Tom Stoppard das Leben bei, mit Tolstoi als Vorlage. Das ist doch eine prima Nachholschule.