Ausflugs-Tipp

Vom Hauptbahnhof aus ins Dickicht der Großstadt

Unser Spaziergang führt von Bahnhof zu Bahnhof, und wir werden sehen, wie unterschiedlich diese Stationen sind, unterschiedlich vom Alter her, von ihrer Architektur, von ihrer Bedeutung für den benachbarten Stadtraum.

Der Hauptbahnhof ist in Moabit gelandet wie ein Raumschiff in der Wüste. Stellen Sie sich auf den Washingtonplatz, blicken Sie auf das Regierungsviertel jenseits der Spree - und lassen Sie die Leere auf sich wirken! Mit dem Gedanken, dass hier städtebaulich noch eine Herkulesaufgabe wartet, machen wir uns auf den Weg zum Hamburger Bahnhof (1.), der sich in strahlendem Weiß und schönstem Klassizismus präsentiert. Nach nur 37 Betriebsjahren wurde er 1884 stillgelegt und später als Königliches Bau- und Verkehrsmuseum genutzt. Heute beherbergt der Prachtbau moderne Kunst. Alles ist versammelt, was Rang und Namen hat - Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Joseph Beuys. Im Winter waren sogar lebende Rentiere zu sehen.

Östlich der Spree erstreckt sich das Gelände der Charité. An ihm entlang führt eine lauschige Uferpromenade. Nehmen Sie auf einer der vielen Bänke Platz und schauen Sie den Spreedampfern nach, die vorüberziehen, oder den Zügen, die über das Hochbahnviadukt sausen. Urbaner geht's kaum.

Wenn Sie ein wenig Zeit (und starke Nerven) mitbringen, sollte Sie sich das Medizinhistorische Museum der Charité (2.) mit seinen 750, teilweise recht drastisch wirkenden Exponaten nicht entgehen lassen. Die Klinik wurde 1710 als Pesthaus vor den Toren Berlins eröffnet. Hier lehrten Koryphäen wie Ferdinand Sauerbruch, Robert Koch oder Rudolf Virchow, heute kommt der medizinische Nachwuchs aus aller Welt, um am Universitätsklinikum zu forschen. Wenn Sie das Gelände durch das ziegelgemauerte Tor verlassen haben, treffen Sie an der Kreuzung Luisen-/Marienstraße auf die liebevoll und engagiert gepflegte Mori-Ogai-Gedenkstätte (3.). Dort tummeln sich beinahe täglich Gruppen von Japanern, um etwas über ihren Landsmann zu erfahren, der als Arzt, Dichter und Übersetzer im 19. Jahrhundert ein Universalgelehrter vom Schlage Humboldts war. Seine Ausbildung erhielt der Begründer der modernen japanischen Medizin unter anderem an der Charité.

Wir gehen weiter durch die Luisenstraße unter dem Hochbahnviadukt hindurch zurück zur Spreepromenade und von hier am Schiffbauerdamm entlang in Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Bemerken Sie den Unterschied zum neuen Hauptbahnhof? Spüren Sie, wie das Großstadtleben an den Bahnhof brandet, sogar trotz stark umstrittener Neubauten wie dem grauen Hochhaus auf dem Spreedreieck?

Rund um den Schiffbauerdamm ist in der Nachwendezeit eine bunte Kneipen- und Restaurantmeile entstanden. Wenn Ihnen am Ende dieses Spaziergangs noch der Sinn nach geistiger Nahrung steht, schauen Sie im Berliner Ensemble vorbei: An drei Sonntagen im Monat finden Führungen durchs Haus statt (wieder am 29. Mai, 11 Uhr). Brecht am Ende unserer Wanderung: Willkommen im Dickicht der Städte.