Mein perfekter Sonntag

"Hier zu sein, ist das größte Glück"

Unglaublich schnell, bunt und vielfältig - so empfand André Schmitz Berlin, als er erstmals in die Stadt kam. Damals, 1992, waren der Ost- und Westteil der Hauptstadt noch nicht wirklich vereint, und André Schmitz auch noch nicht Staatssekretär in der Berliner Kulturverwaltung. Er war gerade als Verwaltungsdirektor an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte gewechselt.

Der im Westen der Republik, in Oberhausen, geborene, fand sich unübersehbar in der anderen Hälfte des Landes wieder. Über der Volksbühne prangte in riesigen Lettern das Wort "Osten". Ein Bekenntnis zum Anderssein und zu einer wilderen Form des Theatermachens, die Schmitz begeisterte. Die Zeit markierte für André Schmitz den Beginn einer "großen Liebesgeschichte", zu Berlin, seinen Künstlern und der Kulturszene.

Ein Ort für vertrauliche Gespräche

Wenn er damals über die Avus nach Berlin kam, wusste er sich "am richtigen Platz". In der Volksbühne lernte er auch Klaus Wowereit (SPD) kennen, seinen heutigen Chef. Schmitz lächelt, während er die Ereignisse von damals schildert, als wundere er sich selbst darüber, die stürmische Nachwendezeit in Berlin mit erlebt zu haben. Schmitz hat im alten Café Einstein an der Kurfürstenstraße in Tiergarten Platz genommen, wo er sonntags bei ausgedehnter Zeitungslektüre nicht nur gern bruncht, sondern auch schon mal berufliche Termine wahrnimmt. So wie kürzlich, als er in dem Café den designierten Intendanten der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, traf, um Details von dessen Engagement zu besprechen. Das Einstein besitzt für solche Gespräche den perfekten Platz, einen vom restlichen Caféhaus abtrennbaren Raum. In ihm war einst die Bibliothek der Stummfilmdiva Henny Porten untergebracht. Nun kann man dort in kleinen Gruppen frühstücken, lunchen oder dinieren, ohne von anderen Gästen gesehen zu werden.

Porten war das Villengebäude von den Nazis angedient worden. An die vormaligen Eigentümer, den jüdischen Bankier Georg Blumenfeld und seine Frau Margarete Lucia, erinnern nur noch goldfarbene "Stolpersteine" an der Schwelle zum Eingang des Cafés. Auf ihnen sind die Namen der Eheleute eingraviert. Die Steine sind eines der Projekte, für die Schmitz sich auch engagiert hat. "Wir dürfen die Zeit der Nazi-Barbarei nie vergessen", sagt er und bricht zur nächsten Station seines perfekten Sonntags auf, zum Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni . Der bediene nicht nur nostalgische Gefühlslagen, sondern biete auch Ideales zum Verschenken.

Schmitz gilt im Senat als graue Eminenz und Vertrauter von Klaus Wowereit. Er ist bestens vernetzt und hat mittels seines Amts das Glück, an ausgesuchten Lesungen, Galas und Theaterpremieren teilzuhaben. Meist in vorderster Reihe. Ein Mann der schönen Termine, aber kein Sonntagskind, wie er sagt. Es gebe auch genügend von den anderen Tagen, jenen mit "Akten und leidigen Terminen".

Wenn es Schmitz' Freizeit zulässt, besucht er auch Institutionen, die durch die Kulturverwaltung gefördert werden. An diesem Sonntag zieht es ihn zum Technikmuseum am Gleisdreieck in Kreuzberg. Aus der Sammelleidenschaft eines Fördervereines entstanden, bietet das Museum nun eine der größten Sammlungen historischer Lokomotiven, Flugzeuge und Autos in Europa. Regelmäßig kauft das Museum Objekte an. Mittlerweile sind es so viele geworden, dass es an Ausstellungsfläche fehlt. Kürzlich funktionierten die Museumsmacher deshalb einen Teil des benachbarten ehemaligen Anhalter Güterbahnhofes zum Showroom um. In ihm stehen nun Oldtimer aus der Welt der Autos und Zweiräder. Mopeds und schnittige Rennwagen, die aussehen, als stammten sie aus einer Science-Fiction-Serie. Designstudien und Prototypen aus einer fast vergessenen Ära, in der bereits in kleinen Serien fuhr, was nun wieder Konjunktur hat: Elektro- und Hybridfahrzeuge.

Faible für junge Offtheater

Schmitz, der dienstlich mit einem Mercedes durch die Stadt gefahren wird, bleibt beim Thema Auto selbst leidenschaftslos: "Hauptsache, es bewegt sich vorwärts", sagt der Politiker. Kurz posiert er vor einer alten Zündapp, streicht dann über das Chassis eines alten Ford und bewegt sich schließlich zu seinem Dienstwagen. Es geht zum Heimathafen Neukölln , einem Theater an der Karl-Marx-Straße.

Im Heimathafen sind Stücke wie "Arabqueen" zu sehen, das von einer jungen Migrantin handelt, die ein Doppelleben führt, tagsüber verschleiert, nachts tanzend in den Clubs. Auch Migranten, die in ihrer Heimat zur Avantgarde des Pop, Jazz und der Weltmusik gehören, treten dort auf - "schönes, modernes Volkstheater", wie Schmitz sagt. Dass etwa Berlins CDU kritisiert, die Kulturverwaltung würde hier Geld vergeuden und zuhauf "türkische Bauchtanzgruppen" finanzieren, mit Geld, das dann an anderer Stelle fehle, ficht André Schmitz nicht an: "Ich hätte gern mehr Geld für die freie Szene."

André Schmitz kennt die Umgebung des Heimathafens gut, sehr gut sogar. Er wohnte dort, nachdem er nach Berlin gezogen war. Den Fortzug aus seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, hat er nie bereut. "In Berlin zu sein, ist das größte Glück", sagt er. Eine kleine Einschränkung macht er jedoch: "An die ,Berliner Schnauze habe ich mich bis heute nicht gewöhnt."

"Berlin ist das Rom des 20. Jahrhunderts"

André Schmitz (SPD), Kulturstaatssekretär