Gourmetspitzen

Der günstige Alleskönner vom Havelufer

In einem "Raymons Restaurant" habe ich schon mehrfach gegessen, in Oslo, Toronto und Pattaya. Doch bisher noch nicht in Spandau. Raymons gibt es häufiger in der weiten Welt, in Berlin aber erst seit einigen Monaten.

Dort ist das Speiselokal mit Bar und herrlicher Terrasse am Wasser nach dem Besitzer und Chefkoch Raymon Frost benannt, der von Carsten Krull unterstützt wird. Schon einmal bin ich in Spandau, das zu Unrecht gerne als kulinarische Ödnis bezeichnet wird, positiv überrascht worden. Hier im Raymonds, das Fazit erlaube ich mir, Ihnen, liebe Genießer, vorab zu geben, war ich von Küche und Service so angetan, dass es eine echte Empfehlung für alle ist, für die es nicht unbedingt immer eine Sterneküche sein muss, sondern die Wert auf gute Produkte zu sehr vernünftigen Preisen legen.

Es ist schon ein idyllisches Fleckchen, diese bildschöne Terrassenecke, mit dem Blick auf die historische Zitadelle und die Insel Eiswerder in der Havel. Raymon Frost entdeckte das Seepanorama, als in dem Backstein-Gebäude noch ein unbedeutendes Tex-Mex-Lokal mit dem Namen Mississippi war. Er entschloss sich, daraus ein richtig gutes Speiserestaurant ohne Höhenflüge, aber mit appetitlichen Aromakombinationen zu machen. Im Innenbereich wurde das Restaurant umgestaltet. Heute wirkt es ein wenig wie der Speisesaal eines edlen Kreuzfahrtschiffes. Die Küche erinnert nicht von ungefähr an Karlheinz Hauser, einen der beliebtesten Köche aller Zeit in Berlin (Aldon). Frost arbeitete lange Jahre als sein Souschef, übernahm einige kochtechnische Federstriche von Hauser.

Das aufgeschlagene Beelitzer Spargelcremesüppchen mit Blattpetersilie ist perfekt abgestimmt. Nur eine kleine Vorspeise gewiss, aber köstlich. Apropos Vorspeisen, Raymons Tapas-Auswahl garantiert einen prächtigen Einstieg zu kleinen Preisen in den Genuss-Abend. Oktopussalat mit Paprika und Zwiebeln beispielsweise, gebratene und gefüllte Champignons, Mozzarellakugeln mit Kirschtomaten und Basilikum, insgesamt 20 verschiedene Kleinigkeit, wovon drei bereits einen ganzen Teller füllen und mit 7,90 Euro berechnet werden. Günstig wie in einer Werkskantine sind die Tagesgerichte, die ganz auf die Berliner Küche abheben: Kalbsleber mit Püree und glacierten Apfelscheiben, Königsberger Klopse mit Kapernsauce, Eisbein mit Erbsenpüree, stets mit einem Getränk nach Wahl für 7,90 Euro. Sieht man mal vom Argentinischen Weideochsen ab, der das Filet und das Ribeye-Steak liefert, legt Frost nachdrücklich Wert auf Produkte aus der Region, etwa das Filet vom Havel-Zander oder das Kotelett vom Landschwein, das der Bauer aus der erweiterten Nachbarschaft liefert. Natürlich kommen der Spargel aus Beelitz und die Lamm-Chops aus Brandenburg. Ich probierte das Lachssteak mit Garnelen, die auf dem Lavasteingrill zubereitet und mit einer intensiven Krustentier-Estragon-Sauce kombiniert wurden. Einziger Kritikpunkt: Bei der Sauce wäre etwas weniger mehr, sie dominierte das Gericht zu sehr.

Raymons BBQ-Spieß ist ein Gericht für den großen Hunger. 350 Gramm Fleisch werden von Chili-Mais-Gemüse und einer riesigen Portion Steakhouse-Pommes begleitet. Jeden Sonnabend steht das Berliner Erbseneintopf-Essen mit Wiener Würstchen auf dem Programm, ein Festival für Gourmands. Jeder Gast kann dort so viel essen wie er will und zahlt dennoch nur 2,50 Euro. Einmal davon abgesehen, dass Kinder bis zu sechs Jahren komplett gratis essen, setzt das sonntägliche Brunch-Vergnügen (18,90 Euro) dem günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis die Krone auf. Neben üblichen Frühstückselementen und dem Obstbüffet werden Prager Schinken, Truthahn, Sauerbraten und Hühnchen serviert. Bis 13.30 Uhr gilt das Angebot. Den ganzen Tag über gibt es die schnellen "Magentröster", wie die Küche sie nennt. Die Karte reicht von der Currywurst mit Curry-Tomaten-Chutney über Kalbsleber bis zum gebackenen Putenschnitzel. Und am Nachmittag tobt die Kuchenschlacht.

Wenn man das Programm kritisch beleuchtet, ist die unglaubliche Breite des Angebots wie ein gewaltiger Ritt durch die gesamte Essenslandschaft. Ich bin sicher, nach der Einstiegsphase wird Raymon Frost sein Programm straffen. Er ist ja erst seit einigen Monaten am Platz. Was ich faszinierend finde, ist die handwerkliche Zubereitung und die Präsentation. Die Tapas sind ansprechend, das Weideochsenfilet beispielsweise wird im Speckmantel gegrillt, um es vor dem Trockenbraten zu schützen. Alle Beilagen kommen als appetitliche Einzelelemente. Bei der Kalbsleber waren die richtig kross ausgebratenen Zwiebelringe so schön drapiert, dass das Gericht zum Fotoshooting fürs Kochbuch durchaus geeignet war.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Raymons Bar und Restaurant, Frieda-Arnheim-Promenade 7, Tel. 54 84 27 43, Öffnungszeiten: Mo.-Fr. von 11.30 bis 24 Uhr, Sbd.-So. 9.30-24 Uhr, www.raymons.de