Berliner Perlen

Die Weinschmecker

Wann hat Berlin das letzte Mal einen so traumhaften Frühling erlebt? Selbst wenn mancher Tag etwas kühl ausfällt, mahnt das nur, jede laue Stunde zu genießen. Mit Picknick im Park, mit Sonnenuntergang auf dem Balkon, egal wo, egal wie. Aber nicht egal, mit wem. Ein Paar gehört dazu: Spargel und Weißwein.

Spargel findet man an Ständen und in Geschäften. Gute Qualität ist recht einfach zu erkennen. Für guten Wein dagegen kann Beratung nützlich sein.

Die Wahl fällt auf Schmidt. Die erste Weinhandlung dieses Namens hatten Mutter und Vater Schmidt im Jahr 1964 an der Sonnenallee eröffnet. Sie spezialisierten sich auf trockene deutsche und österreichische Weine. "Damals war das fast ein Alleinstellungsmerkmal", sagt Carsten Schmidt. Er ist ihr Sohn, hat nach der Schule eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert und kam 1984 ins Unternehmen. Inzwischen ist er der Geschäftsführer. Sein Vater arbeitet noch mit und betreut Kunden in der Gastronomie, die Mutter hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen.

Der Laden an der Sonnenallee existiert nicht mehr, aber es gibt fünf Filialen und die Weinbar Rutz, die Carsten Schmidt vor zehn Jahren zusammen mit Lars Rutz eröffnet hat. Außerdem beliefert er 300 bis 350 Gastronomiebetriebe und veranstaltet Seminare.

Trüffel auf dem Boden

Die Filiale in Westend ist lange etabliert. Es gibt sie seit 1999. Dort bekommt man auch Öl, Nudeln und Gewürze. Sie befindet sich an der Reichsstraße. Die angrenzende Kastanienallee wird von hohen Bäumen gesäumt. In der Reichsstraße dagegen stehen Linden. Das Haus Nummer 6 ist ein schöner Altbau. Die Weinhandlung ist groß, hell und voll netter Details. Schöne Holzregale, ein Fußboden, den eine Künstlerin bemalt hat.

Dies war eine Idee von Anja Schmidt. Sie ist erst vor ein paar Jahren in den Betrieb ihres Mannes eingestiegen. Lange hatte er um sie geworben. Als sie dann tatsächlich hinzukam, brachte sie ein paar neue Ideen mit. Corporate Identity, würde man es auf Neudeutsch nennen. "Man erkennt die Läden als 'Schmidt-Geschäfte' ", sagt sie. Dazu zähle etwa die Bodengestaltung. Die Zusammenarbeit mit der Künstlerin scheint jedenfalls Spaß gemacht zu haben: "Wir saßen auf dem Boden und überlegten, wie es denn nun aussehen könnte", sagt Anja Schmidt. Das Ergebnis sind gemalte Flaschen. In einem anderen Laden, der auch Konfiserie anbietet, spaziert man über gemalte Trüffel.

Wie einst Mutter und Vater Schmidt führen auch Carsten und Anja Schmidt Weine aus der Heimat. "Wir verstehen uns als Deutschland-Spezialist", sagt der Chef. "Deutschland und Österreich bilden seit Jahrzehnten den Schwerpunkt unseres Sortiments."

Und was passt zu Spargel? "Leichte Weine, Sommerweine", sagt Schmidt. "Zum Beispiel unser Wein des Monats." Der stammt in diesem Mai ausnahmsweise nicht aus Deutschland, sondern aus Frankreich, aus der Region an der Loire. Es ist ein schöner Sauvignon Blanc Touraine vom Chateau de la Presle von 2010. Er kostet 6,95 Euro pro Flasche. Wer ein halbes Dutzend kauft, bekommt die Flasche für sechs Euro. Der Tropfen ist im Westend-Geschäft gefragt, der Filialleiter musste schon Flaschen aus anderen Läden liefern lassen. "Eine der bekanntesten Herkunftsbezeichnungen aus der Loire-Region ist Sancerre", sagt Schmidt. Wegen seiner Bekanntheit ist ein Sancerre aber oft etwas teurer und kaum für sechs oder sieben Euro pro Flasche zu haben. "Der Sauvignon Blanc ist, sagen wir immer, der 'kleine Sancerre', weil er so frisch und aromatisch ist." Gemeint ist der Geschmack von Grapefruit, Stachelbeere und Cassis.

Natürlich passen auch andere Weine zu Spargel. Bei Schmidt findet man ein Faltblatt mit einem halben Dutzend Empfehlungen. Weine von der Mosel, aus der Pfalz, Hessen, Baden, Rheinhessen. Letzterer ist ein Grauburgunder-Chardonnay vom Weingut Kühling-Gillot für 8,95 Euro. "Grauburgunder ist kräftig und aromatisch", sagt Carsten Schmidt. "Und vom Chardonnay kommen Feinheit und Schmelz hinzu."

Der Grauburgunder-Chardonnay passe genauso gut zu Spargel wie der Sauvignon Blanc, obwohl er ganz anders schmecke. "Er ist weicher und kräftiger als der Sauvignon Blanc", sagt Carsten Schmidt. "Den Sauvignon Blanc nimmt man, wenn man Spargel mit Fisch kombiniert, den Grauburgunder Chardonnay eher, wenn dazu Schnitzel auf den Tisch kommt." Oder man trinkt die Weine ohne dazu passende Mahlzeit. Einfach so.

Rätselhaftes Etikett

Und wenn es Rotwein sein soll, ein Tropfen für den gelungenen Tagesausklang: Was empfiehlt der Chef in diesem Frühling? Carsten Schmidt schaut sich um in seinem reichen Angebot. Dann rät er zu einem Rosso Piceno Superiore von De Angelis. Ein Italiener, die Flasche à 6,95 Euro. Auf dem Etikett ist ein Vogel abgebildet, dem Körperbau und der Schnabelform nach ein Specht - aber die Zeichnung will nicht so recht zu den bekannten europäischen Spechtarten passen. Geschäftsführer und Filialleiter wissen ebenfalls keine Antwort. Vielleicht ist das ja auch nicht so wichtig. Denn bei einer Weinflasche ist es doch wie mit den Menschen: Auf die inneren Werte kommt es an.

Weinladen Schmidt Reichsstraße 6, Westend, Tel. 20 00 395 54, geöffnet Montag bis Freitag 10-19 Uhr, Sonnabend 10-16 Uhr, Angaben über alle Filialen unter weinladen.com