Film: Senna

Eine moderne Heldengeschichte

Ayrton Senna, davon überzeugt einen der Dokumentarfilm des britisch-indischen Regisseurs Asif Kapadia auf Anhieb, war ein Rennfahrer, der sein Geschäft ungemein ernst nahm. Gefühlte 90 Prozent der Archivaufnahmen, die Kapadia verwendet, zeigen Senna mit feuchten Augen - mal vor Freude und Begeisterung, mal vor Empörung und Bitterkeit über erlittenes Unrecht.

Denn ja, der Brasilianer Senna, einer der populärsten Formel-1-Fahrer Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre, in seinem Land ein Idol, musste Zurücksetzung und ungerechte Behandlung ertragen, bevor er triumphieren konnte.

Und kaum war ein Sieg errungen , drohte der nächste schon wieder zu entgleiten, aufgrund von Intrigen, mangelnder technischer Ausstattung oder auch schlichtem Pech. Dabei war er doch einer der talentiertesten, mutigsten, risikobereitesten! Und ausgerechnet in dem Augenblick, als - fast - alles sich zu seinen Gunsten zu wenden schien, kam er bei einem nicht besonders dramatisch aussehenden Rennunfall durch eine unglückliche Kopfverletzung ums Leben. So werden Mythen geboren.

Man darf sich darüber nicht täuschen: Kapadias Film dokumentiert keine tiefgehende Recherche über Leben und Werk des Rennfahrers Ayrton Senna, der 1994 im Alter von 34 Jahren tödlich verunglückte. Vielmehr verdichtet er das vorhandene Bild- und Filmmaterial zu einer Heldenerzählung, die wenig Platz für Gegenargumente lässt. Senna, der aus einer wohlhabenden brasilianischen Familie europäischer Abstammung kommt, die sein teures Hobby des Gokartfahrens von Jugend an finanzieren konnte, erscheint hier als das Idol eines ganzen Landes, von arm bis reich, von den Villen bis in die Favelas.

"Er ist das Beste an Brasilien!", hört man mehrfach Leute in Mikrofone rufen. Man versteht nicht wirklich, warum. Sicher, lange Ausschnitte aus Fernsehsendungen belegen, wie selbst gestandene TV-Moderatorinnen ihr Glück nicht fassen können, den hübschen und doch so netten jungen Mann bei sich in der Sendung zu Gast zu haben.

Einer, dem so viel Sympathie entgegenschlägt, muss der nicht tatsächlich etwas Besonderes haben und eigentlich viel mehr sein als bloßer Rennfahrer? Muss er nicht zumindest stellvertretend einen Kampf austragen, gegen die etablierten Mächte, gegen die ungerechte Weltordnung? Senna nämlich, trotz seiner privilegierten Herkunft und seinen Erfolgen, besaß in der Formel-1-Welt den ungeheuer attraktiven Status des Underdogs - und ein wenig auch des Rebellen.

Denn seine Nemesis , derjenige, der ihm 1989 in letzter Sekunde den Weltmeistertitel vor der Nase wegschnappte, war der Franzose Alain Prost, älter, entspannter, kühler in der Ausstrahlung - und, offensichtlich besser vernetzt in der Sportwelt. Denn die perfide Auslegung des Regelwerks, die Senna in jenem Jahr den Sieg kostete - im Jahr darauf sollte er gewinnen -, ging vom damaligen Vorsitzenden der Automobilweltverbands Jean-Marie Balestre aus. Der war ebenfalls Franzose, und was lag näher, als dass er den Landsmann bevorzugte?

Wie gesagt, es ist nicht so, dass einem Kapadia in der Präsentation seines Materials eine Wahl ließe, die Dinge einmal anders zu sehen. Dabei kommt er ohne drastische Übertreibungen oder von außen angetragene Zuspitzungen aus. Kapadia montiert Archivaufnahmen und Bilder und lässt entweder sie selbst sprechen oder einige wenige, die Senna gekannt haben, wie seine Schwester oder ein befreundeter Arzt.

Sehr spannend sind einige so noch nicht gezeigte Mitschnitte von Fahrerversammlungen, die vor einem Rennen bestimmte Dinge durchsprechen und ein ganz neues Stimmungsbild liefern. Ganz ohne die üblichen "talking heads" glaubt man sich teilweise mehr in einem Spiel- als in einem Dokumentarfilm. Mit "Senna" ist Kapadia ein Stück packendes Kino gelungen, das auch bisherige Formel-1-Verächter zu interessieren vermag.

Und schließlich muss man die Dinge vielleicht gar nicht immer anders betrachten. Senna als zu früh verstorbener, tragischer Held, das geht schon in Ordnung. So wird die Legende gleichsam zur Tatsache, und der Zuschauer - ganz gemäß dem Motto bei John Ford: "Print the legend!" - will es schließlich auch so.

Doku: Frkr./USA/GB 2010, 104 Min., von Asif Kapadia, mit Ayrton Senna, Alain Prost, Milton da Silva u.a.

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