Ausflugs-Tipp

Der Grunewaldsee mit den Augen Walter Leistikows

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Wir versprechen Ihnen einen Leistikow-Blick, original und hundertprozentig. Aber vorher müssen Sie noch etwas tun. Auch das Schöne muss man sich nun mal erarbeiten. Von Arbeit zu sprechen ist natürlich ganz falsch, wenn von einem Spaziergang durch Grunewald die Rede ist.

Wir steigen an der Station "Grunewald" aus der S-Bahn - und gehen zunächst etwas beklommen zum Gleis 17, von dem zwischen 1941 und 1945 die Züge zu den Vernichtungslagern abfuhren, in ihnen Berliner Juden, vor kurzem noch Nachbarn, nun eingesperrt wie Vieh. Lange hat es gedauert, bis dieses Mahnmal fertig wurde, aber es ist gut, dass es hier steht. Und es ist gut, dass man beklommen ist.

Bis zum Hundekehlesee ist es nicht weit. Um das kleine Gewässer richtig genießen zu können, müssen Sie sich zum Gast des Tennis-Clubs "Rot-Weiß" erklären. Von der Terrasse des Vereinslokals aus schauen Sie - vielleicht bei einem frischen Bier - auf den See, der in einer Kuhle unter Ihnen ruht. Auf dem Weg sind sie schon an dem Haus Bettinastraße 12 vorbeigekommen, hier hat Hildegard Knef gewohnt. Viele Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller, Maler, Politiker und Wissenschaftler haben in dem Quartier ihr Domizil gefunden. Sie alle wussten die stadtnahe Ruhe, die Geborgenheit vermittelnden Villen und Gärten, die schmalen, von alten Bäumen gesäumten Straßen zu schätzen. Wenn Sie den nahen, streng klassizistisch angelegten Garten der Villa Harteneck (Douglasstraße 7-9, geöffnet 8-20 Uhr) besuchen, wenn der Kies unter Ihren Schuhen knirscht und das Licht gebrochen in die kleine Pergola dringt, wenn Sie sich leise schämen, dass Sie es nie zu solchem Wohlstand bringen werden (und sich, mit Reinhard Mey, gleich darauf schämen, sich geschämt zu haben), dann wird sich auch bei Ihnen die gepflegteste Grunewalder Langeweile einstellen. Aber am Ziel sind Sie noch lange nicht.

Wir überqueren die Koenigsallee, gedenken an der Höhmannstraße 6 Alfred Kerrs, der dort von 1921 bis 1929 Hof hielt (und dem Harry Graf Kessler als Mieter folgte), werfen einen verstohlenen Blick auf das Anwesen der Britischen Botschaft (Ecke Regerstraße) und biegen die Stufen hinunter zum Grunewaldsee ab. Der die Grunewalder Seen verbindende Kanal wird gerade vom Schlamm befreit. Plötzlich öffnet sich die Perspektive, das Dunkle, Enge des Waldes weicht der Weite des Grunewaldsees. So hat es der Berliner Maler Walter Leistikow gemalt, so - mit dem Glück des richtigen (Abend-)Lichts - sehen Sie es jetzt. Vielleicht haben Sie eine kleine Abbildung eines Leistikow-Bildes dabei, dann vergleichen Sie Kunst und Wirklichkeit: ein exquisites Vergnügen! Weiter geht es zum Jagdschloss Grunewald. Bis 31. Juli ist dort - in den Galerieräumen von 1932 - die Sonderausstellung "Von Angesicht zu Angesicht - Berliner Porträtmalerei aus drei Jahrhunderten" zu sehen (Di.-So., 10-18 Uhr). Und im Oktober kommen dann die Cranachs zurück. Sie müssen noch einmal wiederkommen.

Länge: ca. 4 km