Film: La Lisière - Am Waldrand

Die Jugend ist ein finsterer Wald

| Lesedauer: 2 Minuten

Von Anfang an liegt über diesem Film eine ungute Verschwiegenheit. Ein toter Körper liegt im Gras, was ist passiert? Und soll man das wissen wollen? Mit einem leisen Grauen lockt uns Géraldine Bajards Regiedebüt auf eine Reise vom nächtlichen Paris in die französische Provinz.

Warum der junge Arzt François (Melvil Poupaud) in das Neubau-Dorf "Die Hügel von Beauval" aufbricht, um eine Praxis zu übernehmen, bleibt unklar. Etwas wird ihn gerufen haben, an den Waldrand, zu den Jugendlichen, die hier recht seltsame Rituale praktizieren.

Schon an der Art , wie Bajard dieses wohlhabende Dorf voller kleiner, beklemmender Glücke porträtiert, erkennt man die Berliner Schule als filmische Heimat der Regisseurin. Bajard assistierte unter anderem Angela Schanelec in "Marseille", Cutterin ist Bettina Böhler, die für Christian Petzold "Yella" geschnitten hat. So schafft "La Lisière - Am Waldrand" wohlbekannte atmosphärische Schwingungen: Alle Konzentration ruht auf diesem geschichtslosen, kontrollierten Ort, dem ganzen Stolz seines Investors, der als inoffizieller Bürgermeister das Sagen hat; und auf den weichen jugendlichen Gesichtern, aus denen unerbittliche Augenpaare blicken.

Geschickt spiegelt Bajard den Investorentraum in der Parallelwelt der Teenager, als wären beide "Waldränder" der Zivilisation. Während die Eltern in Apathie verharren, spielen ihre Kinder im Wald humorlos Die-Jungs-fangen-die-Mädchen oder stellen zur Mutprobe eines von ihnen als Prostituierte verkleidet an die nächtliche Straße. Die Halbstarken, allen voran Cédric (Phénix Brossard), haben das Sagen, die Mädchen fügen sich ins Beuteschema.

Wie in einem archaischen Konflikt lässt Bajard den Arzt für die Jungs zur Bedrohung werden. Vor allem Claire (Alice de Jode) fühlt sich zu ihm hingezogen. Je näher der Eindringling an die Ränder zwischen Tag und Nacht, Zivilisation und Wildnis gerät, desto irrelevanter wird die Frage nach dem Warum. Stattdessen lassen die Jugendlichen als Grenzgänger die Ruhe der exakt komponierten Bilder ins Ungleichgewicht kippen. Obwohl Bajard mit Elementen des Mystery-Thrillers spielt, bleibt jeder erklärende Teufelsschnickschnack draußen. Das trägt den Film bis zum Ende, und selbst die Leere, die er hinterlässt, fühlt sich verstörend mild und heimelig an.

Drama: Frankreich 2010, 100 Min, von Géraldine Bajard, mit Melvil Poupaud, Audrey Marnay, Hippolyte Giradot, Phénix Brossard, Alice de Jode

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( C. Lutz )