Film: Wasser für die Elefanten

In der Welt geht es um Tricks

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Hanns-Georg Rodek

Dieses Frühjahr ist geprägt von Skandalen um angemaßte akademische Titel. Kaum ist das Guttenberg-Trauerspiel vom Spielplan verschwunden, zieht Hollywood mit einem Doktoranden-Drama nach.

Die Beteiligten in "Wasser für die Elefanten" sind August (der gar nicht dumme Herr einer Zirkuswelt), des Direktors Frau Marlena (eine Kunstreiterin) sowie Jacob (der als Veterinär eingestellt wurde). Im Salonwagon des Weltenlenkers kommt es zum Krisengipfel.

"Jacob: Ich muss Ihnen etwas beichten. Ich weiß nicht, ob Sie mir danach noch vertrauen werden... Ich bin kein richtiger Tierarzt. Ich hab keinen akademischen Grad.

August: Jacob, glaubst du , die tätowierte Frau hat Tätowierungen von Kopfjägern in Borneo?

Marlena: Sie ist aus Pittsburgh. Neun Jahre hat sie ihre Haut bemalt. Erzähl ihm von unserem Flusspferd, Darling.

August: Als es dahinschied, haben wir das Wasser durch Formaldehyd ersetzt und es weiter gezeigt. Zwei Wochen lang - ein eingemachtes Flusspferd!

August: Jacob! In der Welt geht's um Tricks. Jedermann spielt! Du musst eins lernen, mein lieber Junge, die Regeln dieser Vereinigten Staaten von Trotteln sind für uns bedeutungslos. Auf das Talent und die Illusion!"

Direktor Christoph Waltz hat also keinen Akademiker eingestellt, sondern einen fähigen Tierflüsterer. Robert Pattinson erkennt auf einen Blick, dass der Lieblingsschimmel von Reese Witherspoon nicht mehr zu retten ist und setzt ihm den Gnadenschuss. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Damit müssen die Dramen nicht beendet sein. Die Dreiecksgeschichte in "Wasser für die Elefanten" beginnt hier erst richtig: Der über Leichen gehende Machtmensch August (Christoph Waltz in einer Variation seines SS-Offiziers aus "Inglourious Basterds") registriert die Anziehung zwischen Jacob (Robert Pattinson, "Twilight"-geübte schmachtende Blicke auf die Angebetete werfend) und Marlena (Reese Witherspoon, mit dem Besteigen und Herunterklettern von Elefanten darstellerisch unterfordert).

Je länger das Dreieck dauert, desto mehr wächst das Staunen darüber, wie altmodisch dieser Film ist. Das ist nicht abwertend gemeint. Das Genre "Zirkusfilm" ist seit dem Ende der Sechzigerjahre nahezu ausgestorben, seitdem entstehen ein bis zwei Dutzend pro Jahrzehnt, aber das sind meist Meta-Filme wie Alexander Kluges "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos".

Nein, um einen den "Elefanten" vergleichbaren Film zu finden, müsste man ein halbes Jahrhundert zurückblicken, auf "Trapez" zum Beispiel, worin sich Gina Lollobrigida zwischen Burt Lancaster und Tony Curtis drängt. "Wasser für die Elefanten" ist ein historischer Film, angesiedelt in der amerikanischen Prohibition und Depression, einer Zeit, in der viele ums nackte Überleben kämpften. Und in der Darstellung dieses Fressen-oder-gefressen-Werdens unterscheidet sich diese Bestsellerverfilmung von historischen Vorbildern. Christoph Waltz wirft das Fleisch des auf die ewigen Weiden geschickten Schimmels seinen Löwen zum Fraße vor und lässt überflüssige Mitarbeiter durch seine Schlägertruppe vom Zug werfen.

Ständig wird von pleite gegangenen Zirkussen geredet, die von Konkurrenten auf der Suche nach guten Artisten ausgeweidet werden. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dieses Halsabschneidergemälde werde gemalt, um Christoph Waltz einen Gefallen zu tun. Wie bei seinem Hollywood-Debüt "The Green Hornet" steht er nur auf Platz drei der Besetzungsliste, ist aber die gefühlte Zentralfigur. Es ist erstaunlich, welche Starauftritte ihm Regisseur Francis Lawrence einräumt.

Waltz ist eine Figur, die es im klassischen Zirkusfilm nicht gegeben hätte, charmant und jähzornig, berechnend und unberechenbar, gar kein gütiger Patriarch. Während die Zirkusatmosphäre, die anderen Charaktere und der Plot getreu den Fünfzigern entliehen scheinen, ist August in seiner Radikalität und Amoralität ein Geschöpf unserer Gegenwart. Er ist das Identifikationsangebot an das heutige Publikum, das sich sonst in dieser Artistenwelt ziemlich verloren fühlen dürfte.

Drama: USA 2011, von Francis Lawrence, mit Robert Pattinson, Reese Whiterspoon, Christoph Waltz

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