Film: Thor

Verbannt auf die Erde

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Sascha Westphal

Kain und Abel, das erste aller Brüderpaare, hat das Muster von Neid und Verrat, Betrug und Mord vorgegeben: Seither haben Künstler und Schriftsteller durch alle Epochen deren Geschichte aufgegriffen. Ihre Widergänger finden sich bei William Shakespeare und bei John Steinbeck, bei Friedrich Schiller und bei Stan Lee.

Die von Lee geschaffene Comic-Serie "Thor" integriert nicht nur die Göttergestalten der nordischen Mythologie ins Marvel-Universum. Mit Thor und Loki, den beiden um die Gunst ihres Vaters Odin buhlenden Brüdern, konnte der Schöpfer der Marvel-Welt noch ein archaisches Bruderzwist-Szenario durchspielen. Gerade das dürfte den britischen Schauspieler und Filmemacher Kenneth Branagh gereizt haben. Auf der einen Seite ist seine "Thor"-Adaption, die in 3D auf die Kinoleinwände kommt, klassisches Comic-Blockbuster-Kino, das auf seine Schauwerte und seine überlebensgroßen Superhelden-Charaktere setzt.

Aber damit begnügt sich der Shakespeare-Verehrer und Theater-Enthusiast Branagh nicht. Diese Comic-Verfilmung hat eine zweite Seite, und die ist in der Dramengeschichte verwurzelt. Das Reich von Asgard, das in Stan Lees Weltentwurf eines von neun parallelen Universen ist, erinnert mit seinem Herrscher Odin (Anthony Hopkins), der seine Macht seinem erstgeborenen Sohn Thor (Chris Hemsworth) übergeben will, deutlich an die von Intrigen vergifteten königlichen Höfe Shakespeares. Hemsworths Thor, dieser Heißsporn, ist ein Bruder im Geiste des jungen Henry V., wie sollte es bei Branagh auch anders sein.

Nachdem Thor den seit Jahrhunderten bestehenden Frieden zwischen Asgard und Jotunheim gefährdet hat, verbannt Odin seinen Sohn auf die Erde. Dort erregt er als Krieger alter nordischer Schule die Aufmerksamkeit der Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman) und die des Nachrichtendienstes SHIELD, der Amerikas gefährdet sieht. Indessen reißt Loki (Tom Hiddleston) die Macht in Asgard an sich.

Auf der Erde nimmt alles den gewohnten (Genre-) Gang. Die Erwartungen der Comicfans müssen erfüllt werden, und die lassen einem Filmemacher wie Kenneth Branagh nicht viel Spielraum. Zumindest kann er aus dem Clash der Kulturen einige komödiantische Funken schlagen. In seinem Element ist Branagh in der Welt von Asgard. Der Ausstattungsbombast, der dieses Comic-Walhalla prägt, entspricht seinen Kinovorstellungen. Dieser grandiose theatralische Hintergrund rückt das von Chris Hemsworth und Tom Hiddleston gespielte Brüderpaar in die Nähe von Karl und Franz Moor. Wenn sich Hollywood entschließen würde, Schillers "Räuber" zu verfilmen, müssten sie so aussehen. Wie in diesem Bühnenklassiker, den Thomas Mann als "höheres Indianerspiel" beschrieben hat, werden in Branaghs "Thor" Tragik und Trash wundervoll eins.

Action: USA 2011, 115 Min., von Kenneth Branagh, mit Chris Hemsworth, Natalie Portman, Anthony Hopkins, Rene Russo

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