Berliner Perlen

Die süße Seite des Gendarmenmarkts

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Ulrike Heitmüller

Ein Traum: Hier möchte man sich mal über Nacht einsperren lassen und dann, wie ein Mäuschen, sich überall durchknabbern. Fassbender & Rausch am Gendarmenmarkt ist ein Magnet für alle Schleckermäuler.

Das Geschäft zieht nicht nur Träumer, sondern auch Prominente an: Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Loriot, Klaus Maria Brandauer und Richard von Weizsäcker waren schon da, erzählen die Verkäuferinnen. Und Tom Cruise. Der kam 2007 mit Familie und Security, erinnert sich Marina Handschak. Die 31-Jährige hat ihn damals beraten. "Das war ein ganz normaler Arbeitstag", sagt sie. Es muss ein Sonnabend oder Sonntag gewesen sein, denn die Lehramtsstudentin arbeitet nur am Wochenende. "Zuerst war alles total unauffällig, dann kamen langsam diese Wellen. Man hat gemerkt, irgendwas ist los, alle schauen in eine Richtung." Nämlich zu Tom Cruise, seiner Frau Katie Holmes, Tochter Suri und den Bodyguards, die schließlich auch Marina Handschak bemerkte. Die Cruises kauften ein, ließen sich geduldig mit ein paar Fans fotografieren, gaben Autogramme und entschwanden mit ihren Pralinen.

Mit Handschuhen berührt

Marina Handschak arbeitet seit 2006 bei Fassbender & Rausch. Ungefähr noch ein Jahr bleibt sie, dann hat sie ihr Studium an der Universität Potsdam - Englisch und Russisch - abgeschlossen. Meistens steht sie an der Pralinentheke. Dort kann man sich aus ungefähr 250 Sorten die schönsten und leckersten auswählen, sich Tütchen oder Schachteln zusammenstellen lassen. Heute zieht Marina Handschak einen Handschuh über und legt in Zucker gehüllte Pralinenherzchen in aparte Pappschächtelchen.

Die Pralinentheke befindet sich im rechten Flügel des Geschäfts. Im linken Flügel lockt die Schokotheke. Dort gibt es zum Beispiel Bruchschokolade. Große Stücke. Wahre Nervennahrung. Wunderbar schmeckt die bittere, dunkle Schokolade, von der sich Nüsse hellbeige abheben.

Der Laden ist schön eingerichtet: Vor fast jedem Fenster steht ein großes, süßes Kunstwerk: das Brandenburger Tor, der Reichstag, ein Berliner Bär und ein großer Frosch. Dieser hat einen Kussmund. Aber wer würde schon das Risiko eingehen, ihn zu küssen, um dafür einen Prinzen zu bekommen? Riesen-Schokofrösche sind seltener. Und leckerer.

Über der Confiserie befindet sich ein Café. Es ist gut besetzt. Während unten im Geschäft alle Altersgruppen vertreten sind, sind oben die meisten Gäste mittleren Alters. Mit sehr viel Glück findet man einen Fensterplatz mit Blick auf den Gendarmenmarkt. Der allerdings lenkt ab von den Marzipantörtchen.

Fassbender & Rausch am Gendarmenmarkt wurde im Jahr 1999 eröffnet. Bis dahin hatte es zwei Familienunternehmen gegeben: Heinrich Fassbender begann im Jahr 1863 in der Mohrenstraße 10, Pralinen und Trüffel herzustellen. Sie schmeckten so gut, dass er bald königlicher Hoflieferant wurde. Wilhelm Rausch eröffnete im Jahr 1890 seine erste Confiserie und fertigte Schokoladen, Trüffel und Pralinen. Im Jahr 1999 schlossen sich ihre Unternehmen zusammen und eröffneten als Fassbender & Rausch das nach eigenen Angaben größte Schokoladenhaus der Welt am Gendarmenmarkt.

Der jetzige Inhaber Jürgen Rausch ist 1971 ins Unternehmen eingetreten. Zehn Jahre später übernahm er die Leitung der Privat-Confiserie. So leitet er das Familienunternehmen nun in der vierten Generation. Jürgen Rausch reist in die Kakao-Anbaugebiete und verhandelt, er geht auf die Messen und ist im Unternehmen präsent. Und offenbar hat Rausch nicht nur Sinn für Schokolade, sondern auch fürs Marketing. Im Jahr 1999 brachte er zum Beispiel Plantagenschokolade auf den Markt. Wie sonst nur bei gutem Wein wird da Schokolade nach ihrer Herkunft gekennzeichnet. Verschnitt? Mitnichten. Acht Orte werden in der Broschüre aufgeführt. Die Plantagen befinden sich in Guacimo, Tobago, Tembadoro, Puerto Cabello, Amacado, El Cuador, Madanga und Nouméa. Jede Sorte hat ihren eigenen Geschmack und ihr ganz eigenen Duft.

Besonders aromatisch

Hergestellt werden diese Schokoladen aus Edel-Kakao. So nennt der Handel die etwa fünf Prozent des gehandelten Kakaos, die besonders aromatisch sind. Die große Masse dagegen heißt Konsumkakao. Im Allgemeinen unterscheidet man vier Sorten Kakao. Die wichtigsten und aromatischsten tragen klingende Namen wie Criollo, Nacional, Arribaba und Trinitario. Ein Konsumkakao ist der ertragreiche und robuste Forastero.

Die Arbeitsbedingungen für Menschen in der so genannten Dritten Welt, die ihren Unterhalt mit Kakao verdienen, sind oft unwürdig. Jürgen Rausch dagegen betont, dass sein Unternehmen anders arbeite. So unterstütze man etwa in El Cuador in Ecuador Kooperativen von Kleinbauern bei Anbau und Verarbeitung des Kakaos, oder rekultiviere in Tobago in einem Langzeitprojekt alte, verwilderte Kakaoplantagen.

Das Ergebnis des Engagements liegt in Berliner Regalen und schmeckt einzigartig. Das wissen auch die Verkäuferinnen und Verkäufer. Verkostungen unter den Mitarbeitern sind erlaubt. Schließlich sollen sie wissen, was sie da verkaufen. Vielleicht muss man sich also nicht heimlich über Nacht einsperren lassen. Man braucht einfach nur den richtigen Job.

Fassbender & Rausch Charlottenstraße 60, Mitte, Tel. 20 45 84 43, Mo.-Sbd. 10-20 Uhr, So. 11-20 Uhr