Film: Küss den Frosch

Prinz, nein danke!

So mancher hätte ihn seinerzeit sicherlich mal gerne herzhaft an die Wand geklatscht. Doch zu spät. Der Disney-Chef Michael Eisner war längst nicht mehr zurückzuverwandeln in den einstigen Kronprinzen des Unternehmens - und so kam es, dass der Mann, der Ende der 80er Jahre mit "Arielle - Die kleine Meerjungfrau" die große Renaissance des Zeichentrickfilms verantwortet hatte, 2003 das eigentlich Undenkbare verkündete - die Schließung des traditionsreichen Animationsstudios.

Angeblich, weil das Volk nur Computer-Cartoons sehen wollte. Doch tatsächlich, weil seine letzten Produktionen wie "Atlantis", "Bärenbrüder" und "Die Kühe sind los" keine Glanzlichter waren, sie dem "Shreks" und "Toy Stories" kein Paroli mehr bieten konnten - nicht etwa aufgrund ihrer "altmodischen" Handzeichnungen, sondern wegen formaler und inhaltlicher Hilflosigkeit.

Wohl deshalb weinte fast niemand ein Tränchen, als das Herzstück des "Magic Kingdom" zu schlagen aufhörte. Wenngleich der hoffnungsfrohe Seufzer der Erleichterung umso deutlicher vernehmbar war, als Pixars umjubelter Pixel- Pionier John Lasseter als rettender Prinz die Szene betrat und prompt als wahrer Thronerbe anerkannt wurde - sein erstes Dekret als neuer Disney-Regent war die Reanimation der klassischen Zeichentrickstube.

Und so dürfen wir also miterleben, wie ein lieb gewordenes Genre, ja, eine Institution des vorweihnachtlichen Kinobetriebs mit Hingabe wachgeküsst wird. Denn "Küss den Frosch" ist die rundum gelungene Wiederbelebung des magischen Märchenmusicals, mit manch erfrischend neuen Akzenten. Zunächst mal knüpfen die Regisseure Ron Clements und John Musker ungefähr dort an, wo sie mit "Aladdin" und "Hercules" aufgehört hatten, mit einer ähnlich temporeich und gewitzt gegen den Strich gebürsteten Variante einer vertrauten Erzählung. Dass Tiana, Disneys neueste Märchenprinzessin, nicht blaublütig ist und sich deshalb beim Kuss mit dem Froschkönig ebenfalls in eine Kröte verwandelt, dass sei sicher nicht zuviel verraten - damit fängt die Geschichte hier ja erst an: Ein Slapstick-Abenteuer samt Screwball- Romanze, das mit schwungvollen Gesangseinlagen, liebenswert tierischen Nebenfiguren und mit Respekt vor den klassischen Disney-Filmen traditionell von Hand geschaffen wurde.

Man darf sich vage an "Pinocchio", "Das Dschungelbuch" oder an "Bernard und Bianca" erinnert fühlen - ohne dass diese Referenzen zu sehr auf sich selbst aufmerksam machen würden. Man darf bei der Geschichte vor allem die längst noch nicht vergangene, visuelle Ausdruckskraft des zweidimensionalen Animationsschaffens bestaunen.

Den Froschkönig ins New Orleans der 20er-Jahre zu verlegen, erweißt sich als so inspirierte wie offensichtlich inspirierende Idee. Denn mit kräftigen Farben wird das Jazz-Age im französischen Viertel beschworen, der kulturelle Mix aus Schwarz und Weiß, aus Neuer und aus Alter Welt, samt Voodoo-Zauber und schwüler Hitze, in den Sümpfen der Mangrovenwälder. Eine Musical- Sequenz verdichtet sich gar zum abstrakten, rein grafischen Ballett, im typischen Illustrationsstil der 20er - mit kühner Eleganz knüpft Lasseters Gefolge hier an Disneys "Fantasia" an.

"Küss den Frosch" macht einfach Freude. Weil er zeichnerisch forsch, weil der Jazz-, Swing- und Gospel-Score von Randy Newman zugkräftig und weil Tiana eine zeitgemäße Interpretation der Disney-Prinzessin ist. Nicht etwa, weil sie die erste schwarze Trick-Heldin des Studios darstellt, schließlich springt sie meist in Grün herum. Doch dass Tiana von ihrem eigenen Restaurant anstatt von Prinzen und Palästen träumt, dass verleiht dem Happy End mal einen anderen Dreh. Und beschert dem Prinzregenten John Lasseter einen viel versprechenden Neubeginn.

Animation: USA 2009, 97 Min., von Ron Clements, John Musker

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