Gedanken zum Fest

Ostern verkündet neues Leben, das stärker ist als der Tod

Ostern ist die Stunde der Frauen. Nach der Kreuzigung Jesu wandten sich die Jünger enttäuscht wieder ihrem Alltag zu, weil dieser Jesus wohl doch nicht der erwartete Messias war. Petrus und die anderen gingen zum Fischen nach Galiläa.

Die Frauen dagegen machten sich auf zum Grab, um ihrem Meister die letzte Ehre zu erweisen, ihn zu ölen und anständig zu beerdigen. So waren es auch die Frauen, die als erste die Botschaft hörten: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.

Historisch nachweisbar ist die Auferstehung nicht. Wie sollte sie es auch sein? Schließlich wurde Jesus nicht in das menschliche Leben zurückgerufen, sondern in Gottes Wirklichkeit aufgenommen. Die sehr unterschiedlichen, ja zum Teil widersprüchlichen Aussagen der Bibel machen deutlich, dass auch die Jüngerinnen und Jünger das überraschende Osterereignis mit dem Verstand kaum fassen konnten. Erst die Frauen am Grab und dann die Männer in Galiläa wurden überwältigt von den Erscheinungen des Auferstandenen.

Aber soviel wurde ihnen schnell klar: Der gewaltsam in einen unwürdigen Tod getriebene Jesus lebt bei Gott! Die Kraft seiner Botschaft, seine konsequente Nächstenliebe, seine Hoffnung waren neu zu spüren. Die Dynamik dieser Ostererfahrung veränderte ihr deprimiertes Leben völlig. Sie begriffen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wenn Gott den Gekreuzigten auferweckt hat, dann hat jeder Mensch eine unverlierbare Würde, Gott wendet sich gerade den Verachteten, den Geschundenen, den Marginalisierten zu. Und die Jünger selbst, die den Meister verraten hatten, bekamen eine zweite Chance. Für den christlichen Glauben ist Ostern deshalb das Urdatum der Menschenwürde. Ostern hat eine kritische, dynamische Kraft, die sich gegen Widerstände durchsetzen muss.

Wichtig ist es, neu zu entdecken, wie existentiell wichtig die Osterbotschaft für unser Zusammenleben ist. Sie muss sich als Motivationskraft der Menschenwürde durchsetzen, damit Ostern nicht nur schön, sondern auch wahr wird. Was heißt das für das tägliche Leben? Schauen wir auf das Beispiel der Frauen. Sie sind die Kronzeugen der Auferstehung. Und doch hat es lange gedauert, bis ihnen gleiche Würde und gleiche Rechte zuerkannt wurden. Bis heute ist die Frauenquote, wie sie in der Politik diskutiert wird, immer noch notwendig. Dass Frauen in der Kirche schweigen sollen, wie in der Bibel, noch ganz vom antiken Rollenverständnis geprägt, zu lesen ist, ist zum Glück in der evangelischen Kirche lange überwunden. Als Diakoninnen, Pfarrerinnen, Superintendentinnen oder Bischöfinnen übernehmen Frauen Verantwortung und gestalten selbstverständlich die Gemeinden und das kirchliche Leben mit.

Ostern bringt die Botschaft von der zweiten Chance. Keiner ist das Opfer der Umstände. Jeder Mensch soll die Freiheit haben, anders weiterzumachen als bisher. Auch in der Politik muss das möglich sein. Wer Fehler gemacht hat und zugesteht, muss auf ein Klima der Vergebungsbereitschaft hoffen können.

Ostern verkündet neues Leben, das stärker ist als der Tod. Das gilt auch im Blick auf unsere Umwelt. In Deutschland ist die große Wende in der Energiepolitik angekündigt. Macht es Sinn darüber zu spekulieren, warum Politiker erst jetzt handeln? Sollen wir darüber moralisieren, wie ehrlich ihre Worte, ihr Verhalten sind? Von der Osterbotschaft her ist es wichtiger, nach vorne zu schauen, und endlich die Verantwortung für das Leben der nächsten Generation zu ergreifen. Wir müssen den richtigen Weg finden, Energie zu erzeugen, ohne unsere Umwelt zu zerstören. Als Bürgerinnen und Bürger können wir zu Recht eine ehrliche Auseinandersetzung erwarten.

Ostern ist nicht nur ein Kulturprogramm für religiös Interessierte. Es ist eine starke Motivationskraft, um sich für Menschenwürde und Menschenrechte einzusetzen. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, ist eine existentielle Botschaft für unser aller Leben. Deswegen begrüßen sich am Ostermorgen viele Christen mit dem alten Ruf: "Christus ist auferstanden." Und die Antwort darauf lässt nicht auf sich warten: "Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!"