Film: An einem Samstag

Damals in Tschernobyl

| Lesedauer: 3 Minuten
Barbara Schweizerhof

Das Reaktorunglück in Fukushima erweist sich - auch wenn es heikel ist, so etwas zu sagen - gleichzeitig als Glücks- und als Unglücksfall für diesen Film. Auf der einen Seite verleihen die Ereignisse in Japan dem Thema Tschernobyl eine neue Aktualität.

Wer sich erinnert: Vor fün Jahren, zum 20. Jahrestag, wollte niemand mehr etwas davon wissen. Das ist in diesem Jahr nun schlagartig anders, auf einmal steht jener Samstag, der 26. April 1986, auf den sich der Titel des Films bezieht, wieder ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Bei seiner Premiere während der Berlinale im Februar war Alexander Mindadzes "An einem Samstag" noch ziemlich untergegangen. Nun erscheint er auf einmal als Film zur Stunde. Was sich auch nachteilig auswirken kann, stellt sich doch die Frage, ob der Film dieses gesteigerte Interesse am Thema "aushält". Was das Faktische anbelangt, lässt sich die Frage negativ beantworten. In den Streit um die Opferzahlen unter den unmittelbar und langfristig von Verstrahlung Betroffenen mischt sich Mindadze nicht ein. Ihm liegt nicht an einer klärenden Darstellung der Ereignisse damals rund um den Reaktor. Mindadze kommt es auf das an, was sich nicht in Fakten messen lässt, auf eine Stimmung, ein bestimmtes Empfinden.

"An einem Samstag" konzentriert seinen Blickwechsel deshalb auf einen sehr engen Zeit- und Personenrahmen. Im Zentrum steht der junge Parteiarbeiter Valerij (Anton Shagin), der in der Nacht mitbekommt, dass eine Explosion passiert ist. Nachdem er sich mit eigenen Augen überzeugt hat, will er, im Gegensatz zu den Bürokraten, die mit Verharmlosung, Verheimlichung oder Verdrängung reagieren, das Vernünftige tun: er will fliehen. Unentwegt von der vom Rumänen Oleg Mutu meisterhaft geführten Handkamera verfolgt, rennt Valerij in den frühen Morgenstunden des 26. April in das Städtchen Pripjat, das neben dem Tschernobyler Kraftwerk lag, und dessen Bewohner schon einige Stunden der Strahlung ausgesetzt waren, über die sie niemand informierte.

Auch Valerij schlägt keinen Alarm, er benachrichtigt aber die Frau, die er liebt. Vera (Svetlana Smirnova) soll mit ihm kommen, doch Vera hat andere Pläne. Als sie sich doch überreden lässt, bricht ihr der Schuhabsatz. Der Zug fährt ohne die beiden ab. Und Vera besinnt sich auf ihre Samstagsverpflichtungen: mit einer Band bei einer Hochzeit auftreten. Und diesmal geht Valerij mit ihr mit.

Auf der Hochzeit wird getanzt, getrunken und gefeiert. Zwischendurch brechen kleine Schlägereien aus, sobald Ruhe einkehrt, fallen philosophische Sätze. Von Flucht ist bald keine Rede mehr. Er habe keinen der "üblichen" Actionfilme drehen wollen, in denen Veteranen und Freiwillige anrücken, um das Vaterland zu retten, sagte Mindadze in Interviews. Das Seltsame ist, dass man sich spätestens nach zwanzig Minuten genau diesen "üblichen" Film herbeiwünscht, der das "andere" gewesen wäre.

Drama: Russ./Ukraine/Dtld. 2010, 99 Min., von Alexander Mindadze, mit Anton Shagin, Svetlana Smirnova-Martsinkievich, Stanislav Rjadinsk

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