Film: Four Lions

Verwirrte Seelen

| Lesedauer: 4 Minuten
Hanns-Georg Rodek

Der Film "Four Lions", in dem britisch-islamistische Selbstmordterroristen planen, den London-Marathon in ein Blutbad zu verwandeln, ist ein gefährliches Werk. Allerdings nicht im Sinn der Mohammed-Karikaturen, die die muslimischen Zornesadern anschwellen ließen, sondern mit Blick auf uns selbst.

Das Kinodebüt des englischen Komikers Chris Morris untergräbt unser sorgfältig aufgebautes Bild vom Feind im eigenen Land, von dem fanatischen Hassprediger, der seine Gläubigen beschwört, in geheimen Terrorzellen aus seinen Worten Bomben zu schmieden.

Die "Vier Löwen" leben in einer jener Reihenhaussiedlungen, die sich idyllisch die Hügel Yorkshires hochschlängeln. Es sind Faisal, der gezähmte Krähen dazu bringen will, Bömbchen auf Sexshops abzuwerfen; Hassan, der Nachbarn zum Tänzchen lädt und dabei sein Bombenbastelzeug auf dem Küchentisch liegen lässt; Waj, der Omar für sich denken lässt - und Omar, der seinen Mitverschwörern bescheinigt, keine Tasse umrühren zu können, ohne ein Fenster kaputt zu machen. Löwe Nr. 5 ist Barry, ein notorischer Nihilist, der zum Islam konvertiert ist und wirklich überall eine Verschwörung wittert: "Es sind die Ersatzteile", schimpft er, als seine alte Karre ihren Dienst versagt, "sie sind jüdisch".

Diese "Löwen" sind weder verkniffen, noch engstirnig, noch religiös linientreu. Das ist auch der Grund, weshalb sie vom polizeilichen Radar nicht erfasst werden, welches auf verbissen-zielstrebige Terrorzellen ausgerichtet ist. Sie sind arme Irre, Clowns, Hanswurste, ungefähr wie die Nazis, die Lubitschs "Sein oder nicht sein" bevölkerten. Doch während dessen Absicht war, mit Lächerlichkeit zu töten, erkennt Morris durchaus, dass Lächerlichkeit vor tödlichen Konsequenzen nicht schützt. Diese Knallchargen haben genug Sprengstoff gehortet, um ihre ganze Reihenhauszeile in die Luft zu jagen, und dieser Film wird Opfer fordern, Krähen, Schafe, Marathonläufer.

Ständig lauert im Slapstick der bittere Ernst. Barry fordert seine Mitverschwörer auf, ihre Sim-Karten zu verschlucken, damit man ihren Standort nicht verfolgen könne (und bezeugt wunderbar komisches Halbwissen), aber seine scheinbare Paranoia ist nur Realität (weil Überwachung stattfindet). Barry, Omar und Kumpane sind nicht komplette Idioten, sondern vor allem verwirrte Seelen, aus dem Gleichgewicht gebracht durch den unmöglichen Spagat zwischen zwei Religionen, die an ihnen zerren, der restriktiv-ätherischen und der grenzenlos-materialistischen.

Man muss nur hinsehen, wie sehr die vier bereits von der Popkulturattitüde verseucht sind, die sie zu bekämpfen vorgeben. Waj nennt sich einen "Paki Rambo" und kann nicht davon lassen, sich per Handy zu filmen, und sei's beim Feuern mit Automatikwaffen. Die Stadtguerillas kommunizieren über Cartoon-Avatare auf einer Website namens PuffinParty und verstecken sich hinter Papageientauchern. Ihr Alltag ist bestimmt vom Verzehr von BabyBel, vom Spielen von Mortal Kombat und vom Reden über den "König der Löwen". Anders als rein westlich geprägte Menschen verspüren sie noch wirklichen Schmerz über die Hohlheit der Konsumgesellschaft, finden sich aber gleichzeitig süß von ihr umklammert. Es ist dieser Zustand der kulturellen Verwirrung, kombiniert mit sozialem Gruppendruck, falschem Stolz und männlicher Blutlust, der sie die Sprenggürtel anlegen lässt.

Beim Betrachten ihre grausigen Possen ertappt man sich unwillkürlich beim Überprüfen der eigenen Haltung. Der erste Impuls, die Frage nämlich, ob man über solch schlimme Dinge derart grobe Witze reißen dürfe, wird bald völlig hinweggeschwemmt, denn Morris zieht konsequent das Python-Prinzip durch, dass man Geschmacklosigkeiten bis zur äußersten Grenze treiben muss, um den schönsten Humor in ihnen aufzudecken. Auch das nächste Bedenken, das der Verharmlosung, löst sich spätestens in einem Wölkchen Rauch auf, als Faisal beim Umzug der Bombenfabrik über ein Schaf stolpert; zum Finale, als die Attentäter beim Marathon ihre Sprenggürtel unter Sesamstraßenverkleidung verbergen, bekommen auch die polizeilichen Scharfschützen ihr Fett ab, die einen Bären erlegen sollen, aber unfähig sind, zwischen einem Bären- und einem Wookie-Kostüm zu unterscheiden. Am Ende steht keine Reue über das eigene Lachen - aber auch kein Hass auf die Attentäter. Eher eine Art erschreckter Sympathie für arg in die Irre gegangene, verlorene Kinder.

Komödie: GB 2010, 97 Min., von Christopher Morris, mit Riz Ahmed, Arsher Ali, Nigel Lindsay, Adeel Akhtar

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