Film

Zeit des Aufruhrs : "Brighton Rock" nach Graham Greenes Kriminalroman

England in den frühen sechziger Jahren: Die Zeit ist aus den Fugen. Die Jugend bricht immer mehr aus den bestehenden Verhältnissen aus und schafft sich ihre eigenen Welten und Regeln. In den großen Städten stehen gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Mods und Rockern auf der Tagesordnung.

Aber auch in der eher beschaulichen Küstenstadt Brighton macht sich das Beben, das die britische Gesellschaft erschüttert, immer deutlicher bemerkbar - und das nicht nur an den Wochenenden, an denen Mods und Rocker aus London und Umgebung den Strand und den berühmten Pier regelrecht überschwemmen.

Der Brite Rowan Joffe hat die Geschichte von Graham Greenes katholischem Kriminalroman "Brighton Rock", der in Deutschland unter dem Titel "Am Abgrund des Lebens" herausgekommen ist, genau in diese Zeit des Aufruhr und Umbruchs verlegt. Aus Greenes symbolisch aufgeladenem und von dunklen Vorahnungen erfülltem Krimi aus dem Jahr 1938 wird so ein bizarres Zeitstück. Joffe schließt die Geschichte des jungen Soziopathen Pinkie (Sam Riley), der nach seinem ersten kaltblütigen Mord schnell vom Laufburschen zum Kopf einer Gang von Schutzgelderpressern aufsteigt, mit den sozialen Umwälzungen jener Jahre kurz.

Pinkies Ungeduld und seine Skrupellosigkeit sind in Joffes Adaption und in Sam Rileys eher introvertiertem Spiel, das ansonsten die selbstzerstörerische Seite seiner Figur betont, nicht mehr alleine Charaktereigenschaften, die den jungen Gangster verdammen. Sie erweisen sich als Zeichen einer dem Materialismus kultisch ergebenen Zeit. Diese Verschiebung der Akzente hat etwas sehr Reizvolles. So kann sich Joffe zudem aus dem übermächtigen Schatten von John Boultings 1947 entstandener Verfilmung des Romans lösen.

Allerdings geht Joffe ein enormes Wagnis ein. Schließlich widersetzt sich der ins Mystische strebende Katholizismus seiner Vorlage nicht nur jeglicher Psychologie, sondern auch jedem Realismus

Durch die Begegnung mit der naiven wie idealistischen Kellnerin Rose (Andrea Riseborough), die ohne zu wissen, zu einer wichtigen Zeugin geworden ist und Pinkie an den Galgen bringen könnte, gerät etwas in dem Mörder in Bewegung. Zunächst umgarnt er sie aus Berechnung. Selbst als er Rose heiratet, geht es Pinkie vor allem um seine Sicherheit. Aber der absolute Glauben der jungen Frau ist mächtiger als alles andere.

Doch diese gerade Wendung, aus der Boultings "Brighton Rock" einen Großteil seiner emotionalen Wirkung zog, können Joffe und sein Ensemble, zu dem in überaus prägnanten Nebenrollen solche Größen wie Helen Mirren und John Hurt gehören, nicht mit Leben füllen. Das bittere Wunder, mit dem die Geschichte von Pinkie und Rose endet, hat in dieser Version nichts Herzzerreißendes mehr. Es verkommt zu einem dramaturgischen Konstrukt, das nicht in die Welt der frühen 60er Jahre passt.

Literaturadaption: GB 2010, 111 Min., von Rowan Joffe, mit Sam Riley, Andrea Riseborough, Helen Mirren, John Hurt

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