Film: Der Name der Leute

Ein Film voller Überraschungen

Okay, wir sind mit diesem Film an der Grenze des Vermittelbaren, versuchen es aber natürlich trotzdem. "Der Name der Leute" ist ein fröhlicher Film, er ist herzerfrischend und er ist auch romantisch. Das kann man kaum glauben, sind seine Themen doch die Folgenden: Atomkraft, Technik-Fetischismus, Auschwitz, das Verdrängen des Holocausts, Algerienkrieg, Vogelgrippe, der Kampf zwischen Rechts und Links, Rassismus, Kindesmisshandlung.

Jede einzelne Zutat wäre Stoff für einen sozialrealistischen Film, jede weitere Zutat linker Kitsch. Aber schau an, wenn alle Weltprobleme (außer den Niedergang der FDP, Stuttgart 21 und Sarah Palin) in einem Film vereint sind, dann funktioniert es auf einmal.

Da ist zum einen Bahia Benmahmoud (Sarah Forestier), die einen so komplizierten Namen trägt, weil ihr Vater Algerier ist. Er ist ein unpolitischer Mensch, der nur raus aus Algerien wollte; im Gegensatz zu seiner Frau, die er kennengelernt hatte, als sie Solidaritätsunterschriften für "die chilenischen Genossen" sammelte und die einen aufregenden Migranten-Namen tragen wollte.

Da ist zum anderen Arthur Martin (Jacques Gamblin), der den Namen eines Jedermanns trägt. Er ist ein Veterinärmediziner, der vor der Vogelgrippe warnt mit den üblichen Satzbausteinchen der Experten: "Wir müssen vorsichtig sein." Er besucht als Mann um die 50 regelmäßig seine Eltern und scheint sich in seinem Leben in Ruhe und Zurückgezogenheit eingerichtet zu haben.

Bahia und Arthur lernen sich kennen und lieben. Es ist ein unwahrscheinliches, aber kein groteskes Paar. Bahia hat das eindeutigere Profil, denn das politische Engagement hat sie von ihrer Mutter geerbt. Für Bahia ist die Welt voller Faschisten - das sind alle Menschen, die nicht ihrer Meinung sind. Das ist eine durchaus alltagstaugliche und komplexitätsreduzierende Rhetorik.

Wie jeder anständige Linke will sie die Welt besser machen; nur ihre Methode ist ungewöhnlich: Sie schläft mit den "Faschisten", um sie zu bekehren. Bei Liberalen würde ein Nachmittag reichen, bei Nationalisten braucht sie schon mal zehn Tage, berichtet sie aus reicher Erfahrung. Gegen Ende des Films wird sie ihr Buch über ihr Leben als "politische Hure" vorstellen. Das Überraschende ist: Obwohl Bahia sexuell freizügig ist, ihre Sprache eindeutig und sie am Anfang öfters nackt als bekleidet rum läuft, hat sie nichts Ordinäres, nichts Schlampenhaftes, sondern ist so fröhlich am Vögeln, wie es sich die Vordenker der sexuellen Revolution nicht hätten träumen lassen.

Nun wäre es für Regisseur Michel Leclerc ein leichtes gewesen, Arthur Martin als verklemmten, reaktionären Trottel gegenzuschneiden. Sein drittgrößter Verdienst ist, dass er der Versuchung widerstanden hat und Arthur als charmanten, im Leben stehenden Mann auftreten lässt; einer, der den Sozialisten und früheren Premier Lionel Jospin wählt (Jospin hat einen kleinen, rührenden Gastauftritt). Sein zweitgrößter Verdienst ist es, seine sympathische Botschaft - "Bastarde dieser Welt, vermehret euch" - einem größeren Publikum zu vermitteln. Sein größter Verdienst aber ist die Erkenntnis, dass es kein Thema gibt, aus dem sich nicht ein heiterer, lebensbejahender Film machen lässt.

Komödie: Frankreich 2010, 104 Min., von Michel Leclerc, mit Sara Forestier, Jacques Gamblin, Carole Franck

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