Berliner Perlen

"Metropolis? Unbezahlbar!"

Marcello Mastroianni bekniet die Kurven von Anita Ekberg, Ingrid Bergman und Humphrey Bogart schmiegen sich aneinander, Michael Caine telefoniert, eine Zigarette im Mundwinkel. Der Besuch des kleinen Ladens "Galerie Filmposter.Net" in der Kreuzberger Pücklerstraße ist ein Ritt durch 100 Jahre Filmhistorie. Wer will, kann ein Stück dieser Geschichte mit nach Hause nehmen: Helmut Hamm verkauft Filmplakat-Originale.

Als Junge lief er in seiner kleinen Heimatstadt im Sauerland sonntags in die Kindervorstellung von "Godzilla". "Filme waren ein großes Ding für mich", sagt der 46-Jährige und lächelt. Doch bis er sein Hobby zum Beruf machte, vergingen mehrere Jahrzehnte. 1984 zog er nach Berlin. Parallel zu seiner Arbeit bei einem Hersteller für Windkraftanlagen sammelte er LPs, Comics, irgendwann auch Filmplakate. "In den 90er-Jahren habe ich realisiert, dass es für die Dinger einen internationalen aber recht überschaubaren Markt gibt", erzählt er. Es war die Zeit vor dem Internet. Hamm reiste auf der Suche nach besonderen Filmplakaten um die Welt.

Dollars für Metropolis

Im Jahr 2000 gab er seinen Job auf, um sich auf seine Leidenschaft zu konzentrieren. Vier Jahre später eröffnete er einen Laden in den Hackeschen Höfen. Anfang 2005 zog er nach Kreuzberg. An den Wänden dort können Kunden die Entwicklung der Filmplakatkunst der vergangenen 80 Jahre kennen lernen. Helmut Hamm vermag nahezu jede Frage zu beantworten. "In meinem Kopf sind bestimmt 10 000 Motive abgespeichert", sagt er.

Nein, das Plakat von Fritz Langs "Metropolis" bei ihm sei kein Original. Die Poster der großen Filme aus den 20er-Jahren seien "schlicht unbezahlbar". Vor fünf Jahren brachte ein "Metropolis"-Original auf einer Auktion 690 000 Dollar. Von solchen Summen könnte Hamm allenfalls träumen, will er aber gar nicht: "Wenn ich richtig Geld verdienen wollte, würde ich was anderes machen." Dennoch ist er darauf angewiesen, dass ab und zu größere Summen in die Kasse kommen. Wie zuletzt, als ihm ein Sammler für ein Plakat von "Creature from the Black Lagoon" (1954) 10 000 Euro zahlte. Aber auch wer nicht so viel ausgeben will, wird im Laden fündig: Die günstigsten Originale kosten gerade einmal 20 Euro.

Viel lieber als über Preise spricht Hamm ohnehin über die Motive der Plakate. Während in Deutschland noch bis in die 60er-Jahre hinein fast alle Filmplakate gemalt worden seien, habe man in den USA schon seit den 40er-Jahren mit Fotos gearbeitet. Nicht unbedingt mit positivem Effekt: "Die haben fast alles mit ausgeschnittenen, frei schwebenden Köpfen gemacht. Das war größtenteils richtig grottig." Bei Filmplakaten ist "alt" also nicht gleichbedeutend mit "gut". Ihr Preis ergibt sich aus der Nachfrage, die wiederum von der Popularität des Filmes abhängt. Wenn sich niemand mehr an daran erinnert, ist ein Plakat nichts wert - selbst wenn es sich um ein Einzelstück handelt. Wie zum Beweis holt Hamm ein gerahmtes, Plakat hervor. "The Silk Express" steht unter einer spärlich bekleideten Frau, die voller Angst die Arme vors Gesicht schlägt. "Ein schönes Plakat, aber diesen Film von 1933 kennt eben kein Mensch mehr", sagt Hamm. Wenn er es in ein paar Monaten nicht verkauft hat, will er es über ein Auktionshaus versuchen.

Vielleicht gelingt ihm ein ähnlicher Coup wie jüngst. Da verkaufte er das deutsche Original von "Casablanca" aus dem Jahr 1952 über das Londoner Auktionshaus Christie's. Er bekam 3700 Euro, die neuen Besitzer dürften zuzüglich der Auktionsgebühren mehr als 5000 Euro bezahlt haben. "Ehrlich gesagt, hat das nicht dem Marktpreis entsprochen", gibt Hamm zu. "Ich hatte Glück, dass bei der Auktion die richtigen Leute im Saal saßen."

Zumal auf dem Plakat nicht einmal der große Humphrey Bogart zu sehen ist, sondern nur Ingrid Bergman. "Die war damals auch in Deutschland ein Star. Bogart kannte kaum jemand", weiß Hamm. Er kann auch erklären, warum die Bergman so anders aussieht als auf den US-Plakaten: "In den 50er- und 60er-Jahren haben die Maler die Stars den nationalen Vorlieben angepasst." Auf den spanischen Casablanca-Plakaten etwa habe Bogart entsprechend dem südeuropäischen Inbegriff von männlich-herber Schönheit tiefschwarze Augen und einen olivfarbenen Teint. Bergman indes wurde in Deutschland dem Fräulein-Ideal angepasst. "So kommt dann eben solch ein Backfisch-Gesicht heraus", sagt Hamm. "Scheußlich."

Immer wieder 007

Aber genau das sei das Spannende an den alten Plakaten: Jedes sehe anders aus, je nach Zeit, Künstler und Land. "Heute dagegen sind die Plakate auf der ganzen Welt gleich", findet Hamm. "Das ist uninteressant und langweilig." Nur noch ganz selten würden ihm neue Plakate gefallen. Das Pulp-Fiction-Motiv mit der rauchenden Uma Thurman zum Beispiel. Und was verkauft sich am besten? "Blow up, Blade Runner, Der Weiße Hai und immer wieder James Bond", sagt Hamm. Besonders die Motive mit Sean Connery als 007 sind gefragt. Mit einer Ausnahme: Gerade ist wieder ein Original von "On Her Majesty's Secret Service" aus dem Jahr 1969 hereingekommen, dem einzigen Bond-Film mit George Lazenby. "Den haben eigentlich alle gehasst", schmunzelt Hamm. "Aber andere halten ihn für den besten Bond aller Zeiten." Geschmackssache - wie Vorlieben bei Filmplakaten.

Galerie Filmposter.Net Pücklerstr. 21, Kreuzberg, Tel. 308 249 53, Di.-Fr. 15-19 Uhr, Sbd. 12-17 Uhr