Mein perfekter Sonntag

Mit Hamlet im Pinguinhaus

Viele Berliner kennen ihn bereits nackt. Er hat schon öfter vor vollem Haus gestrippt, hat Rapsong intonierend Erde gefressen, Tetra Paks misshandelt. Er hat sein Publikum berührt und zum Lachen gebracht, manchmal auch zum Weinen.

Wer den Schauspieler Lars Eidinger auf der Bühne erlebt, der vergisst ihn nicht. Denn Eidinger ist eigenwillig. Er hat ein Charaktergesicht, nicht zu schön, nicht zu glatt, nicht zu männlich - sondern ambivalent und aufregend. Wer ihn nur aus Rollen kennt, muss ihn sich irgendwie anstrengend vorstellen: Als interessanten Selbstdarsteller, der ständig Vollgas gibt. Und er ist herzlich und authentisch. Überspannt? Wenn, dann nur auf der Bühne. Lars Eidinger ist eben Berliner.

Original-Rad aus Amsterdam

Sonntag, Charlottenburg, Savignyplatz, Café Aedes unter den S-Bahnbögen. Es ist 11 Uhr, Eidinger ist pünktlich - er muss nur noch schnell das Fahrrad anschließen. Dass es ein Original-Hollandrad aus Amsterdam ist, wird er später erzählen, dass er gerne Fahrrad fährt, ebenso. Jetzt erst mal ankommen, Wollmütze abziehen, Milchkaffee bestellen. Seine Augen sind blitzeblau, er wirkt aufgeräumt, erzählt, dass er sonntagmorgens gerne hier sei. Gemeinsam mit seiner vierjährigen Tochter, damit seine Frau mal ausschlafen könne. Sie wohnen um die Ecke. Der 35-Jährige kennt das Aedes bereits seit 15 Jahren und kommt eben so lange her. Er ist in Tempelhof geboren, hat nach dem Abitur im Osten an der Ernst-Busch-Schule Schauspiel studiert, jedoch stets rund um den Kurfürstendamm gewohnt. "Ich mag es, dass ich hier meine Ruhe habe", sagt er und meint mit hier sowohl das Aedes als auch seinen Kiez. "Der Ostteil ist für mich wie eine neue Stadt. Ich fahre da wahnsinnig gerne hin, aber ich möchte da nicht wohnen. Man kennt sich in Mitte. In Charlottenburg gibt es nicht diesen Szenedruck."

Wird er hier, in Schaubühnen-Nähe, zu deren Ensemble er seit 1999 gehört, oft angesprochen? "Berliner ignorieren einen eher. So mache ich das auch, wenn ich jemanden erkenne. Ich glaube: Wenn man komplett ignoriert wird, dann weiß man, dass man es geschafft hat." Doch auch am Sonntag hat Eidinger einiges vor, diese Tage verbringt er nicht auf dem Sofa. Seit er eine Familie habe, drehe sich freie Zeit tatsächlich um die Familie, während er früher jedes Wochenende weggegangen sei. Als Schauspieler kennt er das Wochenendgefühl nicht mehr. Seine Woche richtet sich nach Theatervorgaben. Eidinger liebt die Schauspielerei: "Einen besseren Beruf gibt es gar nicht." Als ich wissen will, warum, sagt er: "Weil man fürs Quatsch machen bezahlt wird."

Der Schauspieler geht auch gerne in den Zoo . Er hat eine Jahreskarte. Seine Tochter ist mit auf dem Ausweisfoto, man spürt seinen Stolz. Zwischen Pinguinhaus und Nashorngehege erzählt er, dass er schon immer gerne hierher gegangen sei, früher kannte er jeden Tiernamen auswendig. Er wollte einst Robbenwärter werden, da die Leute bei der Fütterung stets klatschen. Seine Tochter realisiert seine Bekanntheit bereits: "Töchter heroisieren ihre Väter ja gerne mal", sagt Eidinger und grinst. "Sie hat neuerdings eine lustige Angewohnheit. Wenn ich sie vom Kindergarten abhole, ruft sie: Lars Eidinger! Nicht Papa oder so was, sondern: Lars Eidinger!" Sie ist sein kleinster Fan.

Nach dem Zoobesuch geht er stets in den Schleusenkrug . Seine Frau, eine Opernsängerin, kommt dazu und die Familie spielt "Mensch ärgere Dich nicht". Eidinger ist einer, der gern gewinnt, egal ob beim Brettspiel, beim Sport oder auf der Bühne. "Ich finde es total legitim, zu sagen: Ich will besser sein als meine Kollegen. Dieser spielerische Ehrgeiz ist ja etwas Gesundes."

Faxen machen auf dem Teufelsberg

Auch den Teufelsberg mag Eidinger. "Urbanität finde ich toll, aber ich merke, dass es mich wahnsinnig beruhigt und inspiriert, im Wald zu sein. Weil man nicht mit so vielen Reizen konfrontiert ist, kommt man in der Natur wieder zu sich." Eidinger dreht auf, als die Fotos gemacht werden, und macht Faxen. Man versteht, warum ihn Regisseur Thomas Ostermeier einen spielenden Menschen genannt hat und Eidingers Angstfreiheit lobte. Kann er sich den vorstellen, ganz woanders zu leben? "Japan, China oder Korea reizen mich total", sagt er. "Dort hat man das Gefühl, auf einem anderen Stern zu sein. Da herrschen ganz andere Werte." Gegenüber den Japanern empfindet er angesichts des Tsunamis und der Atomkatastrophe große Empathie. Man erkenne die Bedeutungslosigkeit und Unterlegenheit des Menschen im Gesamtkunstwerk Natur. "Ich wundere mich, dass die ganze Diskussion momentan nur um unsere Atomkraftwerke kreist", sagt er. "Das interessiert mich gerade wirklich einen Scheiß. Doch so funktioniert auch Theater: Die Leute haben keine Angst um Hamlet, sondern um sich selbst." Wenn man ihn abends in der Schaubühne als Dänenprinz sieht, versteht man ihn. Eidinger liefert sich dem Publikum völlig aus.

Diesen Herbst startet er in vier Kinofilmen. "Hell" heißt einer von diesen und spielt in einer Zukunft, in der die Sonne nicht mehr untergeht. An diesem Sonntag macht sie das aber. Zum Abschluss des Wochenendes geht er gerne mit seiner Familie ins thailändische Restaurant Dao an der Kantstraße. Wenn er frei hat, endet Eidingers Tag im Kinderbett. "Das klingt jetzt zwar nicht so punkig, aber ich bring meist meine Tochter ins Bett, lese ihr vor und schlafe dann mit ihr ein." Lars Eidinger beherrscht viele Rollen.

"Wenn man komplett ignoriert wird, weiß man, dass man es geschafft hat"

Lars Eidinger, Schauspieler