Genre

Ex-Schwimmer droht unterzugehen: "Un Homme qui crie - Ein Mann der schreit"

Barbara Schweizerhof

Seine athletische Vergangenheit sieht man dem Mann Mitte 50 immer noch an. Adam (Youssouf Djaoro), ehemaliger Schwimmchampion, betreut die Gäste am Pool eines luxuriösen Hotels. Es ist eine Arbeit, die ihn mit Stolz erfüllt, nicht nur, weil sie gut bezahlt ist, sondern vor allem, weil sie seine Eitelkeit befriedigt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sein Sohn Abdel (Diouc Koma) unter seiner Aufsicht mit den überwiegend weißen Pool-Besuchern verkehrt, irritiert ihn deshalb mehr, als sie ihn freut. Und schon bald findet diese Irritation bittere Bestätigung. Im Zuge von Sparmaßnahmen nämlich wird Adam zum Dienst an der Einfahrtspforte versetzt, während Abdel seinen Job am Pool übernehmen darf. Obwohl er weiß, dass er sich für seinen Sohn freuen müsste, und sich glücklich schätzen kann, nicht ganz entlassen worden zu sein, erlebt Adam das als schwere Demütigung. Um sich zu wehren, tut er etwas, das in seiner schrecklichen Konsequenz nicht nur den Zuschauer, sondern auch ihn selbst erschüttert.

Die Vorliebe des deutschen Fernsehzuschauers für Afrika als Filmkulisse steht im harten Kontrast zum generellen Desinteresse, auf das Filme aus Afrika hierzulande stoßen. Dabei besitzt Mahamat-Saleh Harouns ungewöhnliches Vater-Sohn-Drama Dimensionen, die man an den meisten TV-Filmchen schmerzlich vermisst. In prägnanten Alltagsszenen charakterisiert der Regisseur aus dem Tschad seine Figuren mit Witz und Sinn für Zwiespältigkeit. Ohne Sentimentalität, dafür mit angemessen dosierter emotionaler Wucht weiß er die "unwirkliche" Realität eines Bürgerkriegs mit seiner Geschichte über die Hässlichkeiten des Älterwerdens, der Eifersucht und der Feigheit zu verbinden.

Kampfhandlungen kommen in Harouns Film nicht vor. Von Krieg und Gewalt lässt sich auch so erzählen: Es reicht der leere Beiwagen des Motorrads, auf dem Adam trotz Ausgangssperre durch eine von Unruhen erschütterte Stadt fährt.

Genre: Frankreich/ Belgien/Tschad 2010, 92 Min., von Mahamat-Saleh Haroun, mit Youssouf Djaoro, Diouc Koma, Emil Abossolo m'bo, Hadje Fatime N'Goua

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