Berliner Perlen

Die Geheimnisse des Taschenspielers

Es gibt Läden, in denen ist ein Einkauf ein Erlebnis. Nicht, weil der Laden besonders groß oder schön ist oder weil dort ausgefallene Designerlampen hängen und man sich in den Marmorfliesen spiegeln kann. Es sind Läden, die Charme und Geschichte und einen Reiz haben, dem man sich nicht entziehen kann.

Der "Zauberkönig" an der Neuköllner Hermannstraße gehört dazu: ein flaches, altes Gebäude, an einem Friedhof gelegen, im Inneren 25 überschaubare Quadratmeter voller Regale, die bis zur Decke überquellen mit bizarren Dingen. Es gibt Pupskissen, Tarotkarten, Gruselmasken, Juckpulver, Umhängen und Pappnasen.

Das alles ist interessant und skurril. Die Seele und die wahre Attraktion des Ladens aber ist Günter Klepke, 81 Jahre alt, und Zauberer. Zehn Cent Wechselgeld? Die rückt er nicht so einfach heraus. Mit großer, ausladender Geste nimmt er das Geldstück zwischen Zeigefinger und Daumen seiner linken Hand, um es seiner Kundin zu zeigen. Doch plötzlich ist es weg, einen Sekundenbruchteil später taucht es in seiner rechten Hand auf. Die Kundin lächelt - verwirrt und verzaubert.

Gelernter Geräuschemacher

"Zaubern ist das Schwerste, was es gibt", sagt Günther Klepke. "Es kommen immer wieder Kunden herein, die mir erklären, dass sie nachmittags einen Kindergeburtstag haben, auf dem sie ein paar Zaubertrick vorführen möchten. Oder Lehrerinnen, die Grundschulklassen verblüffen wollen. Fürchterlich." Das könne natürlich nicht klappen. Um das Publikum für sich zu gewinnen, brauche man viel Übung, sagt Klepke. Dann holt er ein Kartenspiel aus seiner Anzugtasche und fächert die Karten blitzschnell und wunderbar gleichmäßig auf. "Sehen Sie. An so etwas erkennt man, ob es jemand ernst meint mit dem Zaubern."

Die ersten Tricks hat sich der gelernte Geräuschemacher beigebracht, als er in nichtendenwollenden Schichten als Nachtwächter einzuschlafen drohte. Später verfeinerte er seine Kunst und lernte, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. "Als Zauberer muss man in eine Abendgesellschaft hineinhorchen und spüren, was die Leute wollen", erklärt Günter Klepke. "Das ist genau wie bei einem DJ. Wenn der mitkriegt, was die Leute hören wollen und die richtigen Platten auflegt, dann tanzen alle wie verrückt."

Die Zauberartikel, die Günter Klepke führt, sind Dinge, die Normalsterbliche niemals begreifen werden. Da ist zum Beispiel die Hui-Hui-Maschine: ein schnöder Holzstab, an dem sich aus unerfindlichen Gründen in seinen Händen ein Propeller dreht. Ganz oben auf einem Regal steht eine "Phantasta", einer jener Kästen, in denen Zauberer von der Armbanduhr bis zur Assistentin alles verschwinden lassen können. Darf man mal einen Blick in den glitzernden Zauberkasten werfen? Günter Klepke schüttelt bestimmt den Kopf. "Ich verkaufe, die Phantasta nur an Kunden, die mir erklären können, was sie damit vorhaben. Wenn sie zaubern können und mir erklären, dass sie damit auf einer Bühne auftreten wollen, können sie sie gerne haben", sagt er.

Aber auch diese Kunden dürfen die Phantasta nicht vorher ausprobieren. Zauberartikel werden erst bezahlt und dann vorgeführt. Sonst würde zu viel Geheimwissen verloren gehen. "In einem Zauberladen ist vieles anders als in einem normalen Geschäft", sagt Klepke. Da seine Zielgruppe Zauberkünstler sind, von denen es nur etwa 150 in ganz Berlin gebe, führt er auch Karneval- und Scherzartikel. So findet man im "Zauberkönig" Hundehaufen aus Plastik, Konfetti und Erdnussdosen, die beim Öffnen Plastikschlangen in die Luft schießen. "Durchbohrter Finger" heißt ein Set mit einer Mullbinde, einem künstlichen Blutfleck und zwei Metallstiften.

"Von einem Zauberladen alleine könnte niemand leben", sagt Klepke. Das war früher anders. "Seit 1884" steht auf dem Ladenschild mit dem herrlich altmodischen Schriftzug. Um die Gründungsgeschichte ranken sich Legenden. Fünf Zauberkönig-Läden soll es Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland gegeben haben, die von den fünf Leichtmann-Schwestern betrieben wurden. Später übernahm die jüdische Familie Kroner das Geschäft das damals direkt gegenüber dem Varieté Wintergarten lag. Es war die Blütezeit des Varietés und des "Zauberkönigs", der damals sogar eine kleine Probenbühne hatte.

Der Laden ist die Bühne

Nachdem die Nazis die jüdischen Besitzer aus dem Geschäft vertrieben hatten, übernahm 1938 die Angestellte Regina Schmidt den Laden. Nach ihrem Tod im Jahr 1978 wurde Stammkunde Günter Klepke zum Ladeninhaber. Mittlerweile führt zwar seine Tochter Mona die Geschäfte, doch noch immer steht der Zauberer jeden Sonnabend im Laden, der seine Bühne ist.

Heute kann man im Internet die Anleitungen zu Zaubertricks lesen und Zaubertücher oder biegbare Löffel bestellen. Dennoch bangt Günter Klepke nicht um die Zukunft der Zauberei. Viele Kinder würden zwar lieber mit ihren Computern als mit einem Zauberkasten spielen, aber der Kult um Harry Potter habe dem magischen Handwerk wieder neuen Zulauf beschert. "Die Leute brauchen einfach die Zauberei", sagt Günter Klepke. " Außerdem behaupte ich, dass für jeden Zauberer der stirbt, ein neuer nachwächst." Der Kunde wünscht sich, dass der alte illusionist recht behält.

Zauberkönig Hermannstraße 84-90, Neukölln, Tel. 621 40 82, Do. 13-18 Uhr, Fr. 10-18 Uhr, Sbd. 10-13 Uhr