Mein perfekter Sonntag

Eine ganze Stadt zu Füßen

"Wenn ich ehrlich bin", sagt Julischka Eichel und nippt an ihrem Kaffee, "dann habe ich schon seit Jahren keinen normalen Sonntag mehr gehabt, so wie ihn die meisten Menschen kennen und zelebrieren. Das ist mir allerdings erst jetzt so richtig aufgefallen."

Sie schaut sich mit wachen Augen in der Kantine des Gorki Theaters um - und muss ein wenig über sich selbst lächeln. Denn schließlich gehört sie zu jenen gesegneten Menschen, die ihren Traumberuf ausüben. Und die dann plötzlich feststellen müssen, dass ihnen dabei der Sonntag abhanden gekommen ist.

"Es kommt öfters mal vor, dass ich an diesem Tag durch die Wohnung laufe und Texte lerne", erzählt sie. "Ich spiele in dieser Saison sechs Stücke, da geht es nicht ohne kontinuierliche Vorbereitung." Bereits mit 25 Jahren war die nahezu akzentfreie Schwäbin regelmäßig am Nationaltheater in Weimar zu sehen. Seit 2007 gehört sie zum Ensemble des Gorki Theaters, wo sie gerade mit großem Erfolg die "Madame Bovary" gibt. Auch "Nachwuchsschauspielerin des Jahres" ist die knapp 30-Jährige gewesen.

Kaffeegenuss und Clubkultur

Eine solide Profibilanz mit viel Charme und Humor. Statt verhuscht von einer großen Filmkarriere zu träumen, steht sie kontinuierlich auf der Bühne. "Es kommt sowieso, wie es kommt", sagt Eichel und wischt damit strategisch-taktische Überlegungen auf dem Weg nach Hollywood vom Tisch. In der Krimiserie "Mord mit Aussicht" durfte sie stattdessen zu einer gemeingefährlichen Weinkönigin mutieren, in einem Ludwigshafener "Tatort" fand sie sich als ehrgeizige Polizistin im Team von Lena Odenthal ermordet auf einem Kartoffelacker wieder. Ansonsten Theater, Theater, Theater. Da werden Sonntage zur Inszenierungsübung.

"Egal, ob ein Sonntagsstück abends um halb acht auf dem Plan steht oder nicht: Ausschlafen ist wichtig", sagt Julischka Eichel, die mit der Kategorie "bodenständiges Energiebündel" weit treffender beschrieben ist als etwa "zerbrechliche Diva". Wobei ihr Spiel zuweilen durchaus an die Grenze der gesundheitlichen Unversehrtheit geht. Erst neulich stieß sie bei einer Probe gegen einen Stützpfeiler, und spielte die abendliche Aufführung überaus diszipliniert mit einer leichten Gehirnerschütterung durch. Tags drauf am Gorki-Kantinentisch wirkte sie bereits wieder fit und aufgeräumt: "Also ausschlafen heißt bei mir gewöhnlich bis zehn Uhr. Dann gemütlich Kaffee trinken, meistens zu Hause, weil man sich da im Lieblingsmorgenmantel rumfläzen kann. Guten Kaffee, den ich mir bei Molinari und Ko in der Riemannstraße mitnehme. Seit ich ein italienisches Espresso-Schraubding besitze, hat sich mein Geschmack kontinuierlich verfeinert. Meine Mutter beschwert sich inzwischen, dass ich ihre Brühe nicht mehr trinken mag. Da hat sich die Tochter dann doch verändert, heißt es dann, seit sie 2003 nach Berlin gezogen ist."

Die einstigen Sonntage auf der Schauspielschule "Ernst Busch" in Niederschöneweide waren für die musikbegeisterte Julischka Eichel noch geprägt von Clubbesuchen und rauschenden Akademie-Parties. Doch diese Zeiten sind vorbei. "Ein ausgiebiges Nachtleben ist für mich leider nicht mehr drin", sagt Eichel, "wobei mir die Szenerie zwischen House und Downbeats durchaus vertraut war. Wir haben damals die problematischsten Jungs stets mit den schönsten Mädchen zum Türsteher geschickt." Mittlerweile hat sich Eichel aufs Musizieren verlegt, eines ihrer verschiedenen Sonntags-Hobbys, wenn denn Zeit bleibt: Ein günstig ersteigertes Akkordeon und ein gebrauchtes Übungsbuch von der Musikalienhandlung Noten in Kreuzberg beschäftigt sie ebenso wie die ambitioniert betriebene Malerei. "Ich wollte mal Kunst studieren", sagt sie. "Dafür wäre dann unser blauhaariger Kunstlehrer aus Island verantwortlich. Ein faszinierender Typ, der uns sehr viel mitgegeben hat und mir vor allem Werk und Wirkung von Max Beckmann vermittelt hat", erinnert sich Eichel, die gelegentlich für Freunde "kleine Auftragsarbeiten" in Öl ausführt.

Sehnsuchtsorte und Apfelkuchen

Die seltenen Sonntage, die weder Aufführungen noch Textbuchstudien verlangen, verbringt Julischka Eichel damit, die eigene Stadt mit dem eigenen touristischen Blick zu erkunden. Jüngst ist sie zum ersten Mal auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz gewesen. "Ein alter Wunsch seit meinem ersten Berlin-Besuch. Über ein Jahrzehnt später hat es endlich mal geklappt." Um sich auch körperlich für die langen Bühnenabende fit zu halten, joggt Julischka Eichel so regelmäßig wie möglich auf dem weiten Gelände des Flughafen Tempelhof. Auch sonntags.

"Meine Großeltern haben immer ungarisch miteinander gesprochen, wenn wir Kinder mal nicht verstehen sollten, worum es gerade geht", erläutert Julischka zum Abschluss noch ihren Vornamen und ihre gelegentlichen, sonntäglichen Ausflüge in die Küche der Puszta. "Ich besorge mir also rechtzeitig Paprika, Fleisch und Kräuter, meistens in der Markthalle am Marheinekeplatz. Vor der Renovierung hat die Halle sicherlich mehr für den traditionellen Kiez gestanden, doch dafür sind Auswahl und Qualität nun deutlich besser geworden."

Für ihren Bedarf würden ihre Kochkünste völlig ausreichen. "Zelebrieren kann ich das allerdings nicht", sagt sie. "Dafür bin zu sehr gestresst, wenn es drauf ankommt. Perfekt bin ich allerdings als Frühstücks-Zubereiterin. Und wenn es doch etwas am Herd sein muss, was ich am besten kann, ist es das Backen. Einen gedeckten Apfelkuchen."

"Ein ausgiebiges Nachtleben ist für mich nicht mehr drin"

Julischka Eichel, Schauspielerin