Zwölf Stunden

Im Dorf der Tüftler

Berlins Werkstätten der Zukunft: Auf mehr als vier Quadratkilometern drängen sich im Technologiepark Adlershof Mechaniker, Medienmacher und Wissenschaftler

06:00: Futuristisch leuchtet der Laser auf dem Firmendach gen Stadtmitte. Arbeitsbeginn für Präzisionsfeinmechanikerin Katja Misiewicz. Die FMB Feinwerk- und Messtechnik ist eine der Firmen im vier Quadratkilometer großen Areal des Technologieparks Adlershof. In den Werkstätten und Labors produzieren Unternehmen, arbeiten Forschungsinstitute, befindet sich das naturwissenschaftliche Campus der Humboldt-Universität, fabrizieren Medienunternehmen Unterhaltung und Nachrichten. Wer in diesem Techno-Dorf zwischen den Häusern pendeln will, sollte sich ein Fahrrad mitbringen. Katja Misiewicz nimmt einem Imbusschlüssel und zieht Schrauben an einer so genannten Spiegelkammer fest, durch die später Synchrotronstrahlen geleitet werden. "Ich kontrolliere nicht nur, ich habe das Gerät auch gebaut", sagt die Mechanikerin über das silbern blitzende Hightech-Gerät, das bald in die Schweiz ausgeliefert wird.

07:35: Eric Zürn passiert, ausgerüstet mit Haube und Überzieherschuhen, die Schleuse zum Produktionsraum des PVcomB im Helmholz-Center. Das Institut entwickelt Dünnschicht-Photovoltaiktechnologien, die eines Tages die herkömmlichen Solarzellen ersetzen sollen. Wissenschaftler Zürn nimmt eine frisch beschichtete Scheibe aus der Maschine und betrachtet sie. "Der Vorteil der neuen Technologie besteht darin, dass der Produktionsaufwand erheblich geringer ist als bei der Herstellung von Solarzellen und dass sie eleganter aussehen", sagt er. "Das Problem ist nur, dass die Platten noch längst nicht so effizient arbeiten, wie herkömmliche Solarzellen."

09:10: Melanie Ehnert, Leiterin des Fröbel Kindergartens "Campus Adlershof" macht einen Gang durch die Krippe. 90 Kinder im Alter von acht Wochen bis sechs Jahren sind dort angemeldet. Die meisten Eltern der Kleinen arbeiten in Unternehmen auf dem Campus. Die Fenster in einigen Räumen sind um diese Uhrzeit zugezogen, manche Babys sind sehr müde. Melanie Ehnert setzt sich zu dem sechs Monate alten Joshua und streicht ihm über den Kopf.

10:35: Treffsicher zielt der kleine Roboter-Fußballer unter der Aufsicht Heinrich Mellmanns auf einen orangefarbenen Plastikball. "Wir nennen die Roboter 'autonome Agenten', weil sie ohne jede Steuerung durch Menschen agieren sollen", erklärt der Experte für künstliche Intelligenz im Fachbereich Informatik der Humboldt-Universität. 1996 besiegte in Philadelphia Superrechner Deep Blue den Schachweltmeister Garri Kasparow. Seitdem haben sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt ein neues, noch ehrgeizigeres Ziel gesteckt: Im Jahr 2050 soll eine Roboter-Fußballelf den amtierenden Weltmeister besiegen. "Fußball ist aus dem Blickwinkel der Künstlichen Intelligenz weitaus komplexer als Schach", erklärt Mellmann. "Das Spiel findet in Echtzeit statt, die autonomen Agenten könnten nicht das ganze Spielfeld überblicken und außerdem müssen sie mit anderen interagieren." So ganz klappt das noch nicht. Die Roboterspieler irren manchmal ziellos durch die Gegend, kippen um oder verlieren ihre Batterien. Im Nahkampf auf dem Fußballfeld hätten sie keine Chance.

11:45: Jörg Israel, Leiter des Zentrums für Mikrosysteme und Materialien der Betreibergesellschaft Wista, besucht eine Baustelle, auf der ein neues Technologiezentrum entsteht. Gemeinsam mit Volkmar Busse und Christoph Korff von der zuständigen Projektsteuerungsgesellschaft begutachtet er zufrieden die Fassade der neuen Halle. Später können dort Mikrochips und andere filigrane und hochempfindliche Produkte in einer staubfreien Atmosphäre gefertigt werden. Anfang dieses Monats werden die ersten Mieter einziehen. Auch Jörg Israel wird zu ihnen gehören.

12:40: Dampf und köstliche Düfte dringen aus den Töpfen in der Großküche des Caterers "Optimahl". Der Sous-Chef Tom Setzefand kocht Coco-Bohnen für einen Salat und setzt einen Fond für eine Bouillabaisse auf. In einer anderen Halle fertigen Floristinnen Gestecke aus Rosen für eine Abendveranstaltung. Insgesamt 1500 Partys, Empfänge und Festakte beliefert der Caterer jährlich. Wie das Essen und die Dekoration bei den Gästen ankommen, erfahren die Mitarbeiter nur selten.

13:35: "Es ist ein weicher Wein, mit einem sanften Bouquet und einem guten, starken Abgang", spricht Peter Schneider mit warmer, voller Stimme in ein großes Mikrophon. Der Schauspieler synchronisiert bei der TV Synchron GmbH eine Reportage des Travel Channels. Auf dem Monitor vor ihm sieht man einen amerikanischen Reporter im Gespräch mit der Wirtin eines Weinlokals. Für Peter Schneider ist der Auftrag Routinearbeit: Mehrere hundert Minuten Reisefernsehen werden jeden Monat in den schalldichten, gut temperierten Aufnahmeräumen synchronisiert. Auch TV-Serien und Spielfilmen leihen Schauspieler ihre Stimme.

14:55: Schichtleiter Alihan Ergün und der Maschinenführer Alexander Feit stellen eine Lötmaschine ein, die Solarzellen miteinander verbindet. Das Unternehmen Solon Se, bei dem die beiden arbeiten, fertigt Solarmodule und Solartechnik für Einfamilienhäuser und Großkraftwerke. Das ist die Energietechnik der Zukunft. Wie viel Kraft ein einzelnes Solarmodul liefert, ist nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen. Erst ein Test in einer abgedunkelten Kammer gibt Aufschluss darüber, welche Qualitätsstufe die Solarmodule erreichen.

15:30: Volker Keddig, Geschäftsführer bei der Firma Fuss EMV, macht einen seiner täglichen Rundgänge durch die drei Fertigungshallen. Die Abkürzung EMV bedeutet "elektromagnetische Verträglichkeit". Das Unternehmen baut unter anderem Filter, die elektromagnetische Störungen in Stromnetzen beheben. Der Geschäftsführer wechselt ein paar Worte mit dem Praktikanten Simon Heitmann, der gerade fingerdicke Kupferdrähte verlötet.

17:45: In einer riesenhaften Halle simuliert ein Wissenschaftlerteam, wie man die Stromversorgung der Azoren-Insel Graziosa durch Solarstrom und Windkraft sicherstellen könnte. "NAS Battery Control Cabinet No. 2" steht auf dem Schrank, in dem der Softwareentwickler Udo Berninger die Steuerungselemente einer großen Natrium-Schwefel-Batterie überprüft. Sein Arbeitgeber, die Firma Younicos hat sich auf die Speicherung und Verteilung von erneuerbaren Energien spezialisiert. "Selbst wenn wir genug Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung hätten - unsere Netze sind noch lange nicht so stabil, dass sie diese Art von Strom dauerhaft verarbeiten könnten", sagt Berningers Kollege Philip Hiersemenzel.

20:05: Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden. Der Laser, der 2003 als Wahrzeichen von Adlershof installiert wurde, setzt sich automatisch wieder in Gang.