Film: Sucker Punch

"Kämpft euch bis zu dem Drachenbaby durch"

Nach "300" und "Watchmen", die beide auf Comicvorlagen beruhten, "fühlte sich Zack richtig befreit", jubelt das Presseheft, "als er endlich einmal etwas Eigenes schaffen konnte". Wir können "Sucker Punch" also als den bisher reinsten Ausdruck der Gedanken und Fähigkeiten des "Auteurs" und Filmemachers Zack Snyder betrachten.

Demnach drehen sich Snyders Gedanken um die Lobotomisierung unschuldiger Mädchen, Luftduelle zwischen Drachen und Kampfflugzeugen sowie neue Erfindungen des kaiserlich-deutschen Militärs.

Das sind Dinge, die man normalerweise nicht in einem Filmtopf zusammenrühren würde, aber möglicherweise besteht Snyders Auteurschaft darin, Popkulturschnipsel zu einer Collage zu vermantschen; vor "300" hätte man alte Griechen und modernen Männlichkeitswahn nicht zusammengedacht.

Bei "Sucker Punch" hat sich Snyder ein ehrgeiziges Puzzle vorgenommen. Aus einem Kriminalfall (böser Mann bringt Baby Dolls Mutter und Schwester um) wird ein Normal-in-der-Klapsmühle-Drama (weil der Böse Baby Doll wegsperren lässt), welches sich in ein Bordellmelodram verwandelt und Gedankenflüge zu japanischen Monstersamurai, in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und auf ein Heavy- Metal-Schlachtfeld unternimmt.

Das klingt wirrer, als es auf der Leinwand wirkt, Snyder verordnet seinen Phantasiesprüngen durchaus ein Korsett. Das führt zu einer grauenhaften Computerspiel-Mechanik. Baby Doll notiert ihren Mitgefangenen auf einer Kreidetafel die vier Gegenstände, die sie zur Flucht benötigen - Plan, Feuerzeug, Schlüssel, Messer -, und dann geht es, immer nach dem gleichen Schema, an das Abarbeiten des Pflichtenhefts.

Jedes Mal muss Baby Doll die Hüter der Gegenstände mit einem wilden Tanz ablenken, und jedes Mal verfällt sie in wilde Träume, die uns in eine Fantasy-Landschaft entführen. Jedes Mal sind ihre Leidensgenossinnen in einem neuen Kampfoutfit mit von der Partie, und jedes Mal stellt ein verknitterter Charlie seinen Engeln eine Aufgabe: "Kämpft euch bis zu dem Drachenbaby durch, schneidet ihm den Hals durch und holt aus seinem Rachen zwei Feuersteine. Aber weckt dabei seine Mutter nicht auf."

Man kann seinen Joystick darauf verwetten, dass in den nächsten zehn Minuten aus diesen Steinen ein Feuer entfacht und die Mutter aufgeschreckt werden wird. Zack Snyder nützt also die große Kinoleinwand, um Landschaften aus dem Computer zu zaubern, bei denen einem die Augen aus dem Kopf fallen - oder besser fielen, wenn er uns ein paar Sekunden Zeit ließe, sie anzusehen -, und opfert auf dem Altar der Überwältigungsbilder die beiden anderen Hauptelemente des Kinos, Geschichte und Charaktere.

Die "Geschichte" eines Ausbruchs hat der "Graf von Monte Christo" vor zweihundert Jahren besser erzählt, und die "Charaktere" wären selbst für ein Videospiel zu eindimensional. Denkt man über die Ideologie von "Sucker Punch" nach, schwankt sie zwischen Darwin ("Euer Überlebenskampf beginnt in diesem Moment") und Rumsfeld ("Hier sind eure Waffen. Nehmt sie, und euer Weg in die Freiheit beginnt").

+---- Fantasy USA 2011, 97 Min, von Zack Snyder, mit Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Scott Glenn, Vanessa Hudgens, Jamie Chung