Mein perfekter Sonntag

Die Kunst, Ruhe zu finden

Wer mit der in Berlin lebenden, US-amerikanischen Pop-Art-Künstlerin Freddy Reitz beim sonntäglichen Spaziergang am Grunewaldsee Schritt halten will, muss gut zu Fuß sein: "Ich bin eine schnelle Läuferin, brauche etwa 40 Minuten, um einmal um den See zu laufen. Ich liebe dieses Ritual am Sonntag", sagt sie.

Nein, die dort ebenfalls anzutreffenden Hunde würden sie keineswegs stören.

Was sofort an der Künstlerin auffällt, sind ihre Cowboystiefel, passend zu ihrer großen gelben Tasche mit fröhlichem Muster gelb bemalt. Ein Eigenwerk, selbstverständlich. Die in Dallas/Texas aufgewachsene Wahlberlinerin hat ein Faible für Westernboots. Davon besitzt sie etliche Paare. Das urige Schuhwerk gilt als ihr Erkennungszeichen.

Morgenritual ohne Frühstück

1993 kam die Amerikanerin, die bereits in Ulm, Münster und Hamburg gelebt hatte, erstmals nach Berlin und stellte schnell fest: "Die Stadt ist sehr offen für neue Leute, ganz im Gegensatz zu Hamburg. In Berlin ist man immer herzlich willkommen". In ihrem ganz persönlichen Fall hätte es wohl eh keine Probleme gegeben - schließlich kam Freddy Reitz einst der Liebe wegen in die Hauptstadt. Der tiefere Grund hierher zu ziehen, war schlicht "um zu heiraten!" Sie lächelt und ergänzt: "Mein Mann Freedom ist Berliner. Beruflich entwickelt er Bau-Projekte. Wir begegneten uns 1992 auf der Nordseeinsel Sylt. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Neun Monate später haben wir geheiratet. Wir haben zwei Töchter, Kelly Ann ist 15, Jackie Madison fünf Jahre alt".

Das harmonische Familienleben geht der quirligen Künstlerin über alles. Doch wer nun denkt, die vierköpfige Familie sitze am Sonntagmorgen gemütlich zusammen beim Frühstück, der irrt. "Wir sind eine Familie, die absolut nicht frühstückt. Und ich bin auch die einzige, die nicht ausschläft. Morgens um sechs Uhr stehe ich auf, trinke drei Riesenbecher Kaffee mit Milch und Zucker."

Gegen 7.30 Uhr ist die Künstlerin dann im Atelier an der Goerzallee. "Ich genieße die sonntägliche Ruhe zum Arbeiten. Zwischen 9.30 Uhr und zehn Uhr bekomme ich regelmäßig einen Anruf von Zuhause. Dann treffen wir uns alle wieder daheim und besprechen gemeinsam, was wir denn nun machen wollen. Von unterwegs bringe ich die Sonntagszeitungen von meiner Stamm-Tankstelle an der Clayallee mit." Ein intaktes Familienleben sei der beste Ausgleich zur künstlerischen Arbeit, sagt Freddy Reitz

Die Tage im geräumigen Lichterfelder Atelier, das sie gemietet hat, sind indes gezählt, weil das Haus inzwischen verkauft worden ist. Über den riesigen, lichtdurchfluteten Raum sagt sie treffend: "Das reinste Chaos. Aber irgendwann findet man sich im Chaos zurecht." Ab dem Sommer hat sie ihr Atelier in Zehlendorf, nicht weit vom Dahlemer Haus entfernt. "Ich hatte großes Glück, etwas Passendes zu finden, musste allerdings wochenlang suchen." Heute ist Freddy Reitz vor allem dafür bekannt, dass ihre Arbeiten auch gerne in prominenten Kreisen gekauft werden. Zu den Besitzern ihrer Objekte zählen US-Schauspielerin Sharon Stone und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton. "Meine Objekte werden weltweit präsentiert", sagt sie stolz. Ausgenommen davon ist China. "Gerne würde ich einmal in Shanghai" ausstellen sagt sie. Wo verkaufen sich ihre Arbeiten am meisten? "In Berlin, Boston, Miami, Los Angeles und New York."

New York, so erzählt sie auf dem Wege zum Grunewaldsee , inspirierte sie einst zum zweiten Vornamen ihrer jüngeren Tochter Jackie Madison. Denn just zu dem Zeitpunkt, als ihre erste Ausstellung in New Yorks begehrter Madison Avenue stattfinden sollte, wurde ihre zweite Schwangerschaft bestätigt.

Sonntags wird gekocht

Ihrer zweiten großen Leidenschaft frönt die Künstlerin am heimischen Herd. Vornehmlich sonntags, wenn die Familie komplett ist. "Nach dem ausgiebigen Spaziergang stelle ich mich mittags in die Küche. Ich koche und backe wahnsinnig gerne. Zum Beispiel Bienenstich, Streuselkuchen oder Königsberger Klopse nach einem alten Rezept meiner Mutter, deren Familie aus Königsberg stammt." Am Sonntagnachmittag kommt oft ihre 86jährige Schwiegermutter zu Besuch. "Dann diskutieren wir vor dem Kamin die aktuelle Weltpolitik." Auch Berlin wird nicht ausgelassen. Freddy Reitz: "Heute sehe ich die Stadt als extrem liebenswert, aber auch als sehr gefährdet, allein schon wegen der Drogenprobleme und der Überfälle." Was sie sehr positiv findet: "Berlin ist trotz der Größe überschaubar und das viele Grün ist herrlich."

Den Sonntagabend lässt Freddy Reitz oft und gern mit ihrem Mann und Freunden im Restaurant "La Cascina" an der Grunewalder Delbrückstraße ausklingen. Doch vorher, mit dem Gongschlag der Abendschau, "wird es Zeit, unsere jüngste Tochter ins Bett zu bringen. Die Große zieht sich ebenfalls in ihr Zimmer zurück."

Ihre nächsten Pläne: Nach Ausstellungen in Kitzbühel und Berlin (zurzeit bei "Lumas", Fasanenstr. 73) will sie an der großen Leistungsschau junger Kunst im Sommer in Berlin teilnehmen. Wie sehr sich die gebürtige Amerikanerin mit der Stadt identifiziert, sagt ein einziger Satz: "Inzwischen bezeichne ich mich längst selbst als Berlinerin".

"Irgendwann findet man sich im Chaos zurecht"

Freddy Reitz, Pop-Art-Künstlerin