Film: Das Schmuckstück

Wenn die Gattin zur Chefin wird

Als Jacques Chirac zum Pariser Bürgermeister gewählt wurde, kündigte seine Ehefrau Bernadette an: "Es soll bloß niemand damit rechnen, dass ich fortan nur das Schmuckstück spielen werde." Madame Chiracs Versprechen sollte einige Jahre später ein literarisches und nun auch ein filmisches Nachspiel haben.

Es inspirierte das Autorengespann Barillet und Grédy zu ihrem Erfolgsstück "Potiche" (Das Schmuckstück).

Madame Pujol (Catherine Deneuve), die Erbin einer Regenschirmfabrik, übernimmt nach dem Herzanfall ihres Mannes die Leitung der bestreikten Firma. François Ozon hegt, das weiß man seit "8 Frauen", keine Berührungsängste gegenüber dem Boulevard. Auch diesmal plündert er lustvoll die Requisitenkammer des Genres. Er weiß sich auf dem sicheren Terrain der ironischen Lehnprägung. Er zelebriert die Behaglichkeit des Ambientes, damit er umso deutlicher dessen Verlogenheit entlarven kann. Es nisten viele unstandesgemäße Leidenschaften im Hause Pujol. Monsieur (Fabrice Lucchini) ist ein unaufmerksamer, chronisch untreuer Ehemann. Die Seitensprünge von Madame sind zwar verjährt, holen sie aber wieder ein: Der Lastwagenfahrer, mit dem sie einst eine kurze Affäre hatte, ist nun der kommunistische Bürgermeister des Ortes (Gérard Depardieu). Die Deneuve verschwendet eingangs wenig Energie darauf, als Fabrikantengattin glaubhaft zu sein, die ihren Tag mit Stickereien und dem Verfassen putziger Gedichte zubringt. Durch den ersten Akt schwebt sie mit robustem Gleichmut. Erst im zweiten Akt regiert sie mit freundlicher Herablassung; es besitzt einen durchaus sadistischen Zug, wenn sie ihren Mann nach dessen Erholungsurlaub in exakt jene Rolle drängt, die sie zuvor einnehmen musste. Die Verhandlungen mit den Streikenden nimmt sie mit argloser Frivolität in Angriff. Ihre Charme-Offensive gelingt indes nicht nur, weil sie die Gewerkschaftler mit gönnerhafter Jovialität zähmt. Sie beschwört das einstige Bündnis zwischen Besitzer und Belegschaft im Familienunternehmen herauf. Deneuve spielt wunderbar die Ambivalenz ihrer Figur: Naivität und Kalkül.

Im dritten Akt entschließt sie sich, in die Politik zu gehen. Als Parteilose kandidiert sie gegen den kommunistischen Bürgermeister. Sie erweist sich als muntere Demagogin, steht für ein mitfühlendes Matriarchat. Die Mechanismen der Kommunalpolitik schildert Ozon mit argloser Verächtlichkeit. Die Wähler erscheinen als dankbares Stimmvieh, das inbrünstig Parolen nachplappert und sich nur allzu gern bezaubern lässt. Hier hätte Ozon der Ironie eine Dimension hinzufügen können: eine sehr französische Sehnsucht nach Aristokratie.

Madame Pujols eigentliche politische Botschaft ist die ansteckend gute Laune. Wenn sie bei der Siegesfeier Jean Ferrats "C'est beau, la vie" singt, besiegelt sie endgültig die Wandlung des Regisseurs Ozon. Er hat als ein Herold des subversiven Lustprinzips begonnen. Nun vertritt er das Spaßprinzip.

Komödie: F 2010, 103 Min, von François Ozon, mitCatherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini

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