Film: I Shot My Love

Das Videotagebuch einer Liebe

Der Titel ist irreführend. "I Shot My Love" ist alles andere als martialisch. Der Dokumentarfilm erzählt von einer deutsch-israelischen Liebesgeschichte, die in Berlin beginnt. Vor fünf Jahren lief hier Tomer Heymanns Film "Paper Dolls" auf der Berlinale, nach der Premiere lernte der Israeli im Berghain den Deutschen Andreas kennen.

Heymann, der seit seiner Jugend obsessiv alles mit der Kamera festhält, filmt auch den jungen Mann am Morgen danach und stellt bei aller Verliebtheit gleich grundlegende Fragen. Ob er gerne deutsch sei und ob er mit den Großeltern über die Nazizeit gesprochen habe. Von der ersten Begegnung an rückt er ihm mit seiner kleinen Digitalkamera auf die Pelle, filmt ihn unter der Dusche, bei Gesprächen in der Küche und im Schlafzimmer, beobachtet ihn bei Familienfeiern. Heymann ist Teil dessen, was er filmt, selbst wenn man meist nur seine Stimme hört, sein subjektiver Blick ist immer auch Thema.

Zurück in Israel rückt seine Mutter Noa ins Zentrum seines Videotagebuchs, die fünf Söhne großgezogen hat und die nach der Scheidung nun allein im Dorf zurückgeblieben ist. Auch sie befragt der Filmemacher, nach ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit und was sie davon hält, dass ihr Sohn jetzt einen deutschen Lover hat. Berlin spielt eine zweifache Rolle, 60 Jahre zuvor waren Heymanns Großeltern von hier vor den Nazis nach Palästina geflüchtet. Als Andreas zu Tomer nach Tel Aviv zieht, wird er von Noa und der Familie herzlich aufgenommen. Das Weihnachtsfest bei Andreas Familie in Süddeutschland dagegen verläuft sehr viel steifer und unbeholfener, was nicht nur an kulturellen Unterschieden liegt, sondern an nicht bewältigter Vergangenheit. Andreas war als Jugendlicher jahrelang von einem mit der Familie befreundeten Pfarrer missbraucht worden. Andreas vertraut sich seinem Freund an und Heymanns distanzierte Position ist dabei nicht unproblematisch. Andreas hält ihm vor, bestimmte Dinge immer nur mit laufender Kamera zu besprechen: "Ich bin nicht bloß eine Geschichte, ich bin dein Partner." Dass der Film das nicht verschweigt, macht eine seiner Stärken aus. Die Intimität und Offenheit in dieser Langzeitbeobachtung auszuhalten, ist nicht immer einfach, für die Beteiligten und für den Zuschauer. Doch es lohnt sich.

Doku: Dtld./Israel 2010, 70 Min., von Tomer Heymann, mit Tomer Heymann, Andreas Merk

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