Berliner Perlen

Zerbrechliche Schönheiten

Den Umzug in die ersten eigenen vier Wände begleiten meist Senfgläser und ein paar übriggebliebene Becher, die zuvor den elterlichen Küchenschrank verstopften. Fürs Erste reicht das, doch irgendwann, meist nach ein paar Jahren Alleinlebens, beginnt das wild zusammengewürfelte Gläserensemble den gerade erwachten ästhetischen Sinn zu stören.

Plötzlich werden Wasserbecher und Weingläser gekauft. Sechs oder zwölf Stück, je nachdem wie viel Platz im Schrank vorhanden ist. Und so markiert der Kauf der ersten eigenen Gläser einen von vielen Schritten ins Erwachsenenleben.

Jan Hinrichs, der seit 27 Jahren den Laden "Glasklar" in Charlottenburg betreibt, hat vermutlich schon tausende von Studentenhaushalte mit seinen Gläsern bestückt. Denn das Geschäft liegt strategisch überaus günstig in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes und damit in Laufweite der Technischen Universität und der Universität der Künste. Jan Hinrichs führt 150 Sorten Weingläser, 150 verschiedene Bechergläser, 150 Vasen und 150 andere Glasartikel wie Teller, Messbecher oder Teekannen.

Schlicht muss ein Artikel sein, der Einlass in sein Sortiment finden will, funktional und von klassischem Design. "Ein Glas ist ein Gebrauchsgegenstand. Es darf deshalb nicht so teuer sein, dass es einen fürchterlich schmerzt, wenn es kaputt geht", findet Jan Hinrichs. Und deshalb kostet das teuerste Rotweinglas bei ihm 8,50 Euro, während man kleine Gefäße in Schnapsglasgröße bereits für 50 Cent erwerben kann. Die Spezialität von "Glasklar" ist das so genannte "Wirteglas", das für den Getränkeausschank der Gastronomie entwickelt wurde und sich im täglichen Gebrauch als robust erwiesen hat. Bleikristall oder zarte, mundgeblasene Cognac-Schwenker sucht man in dem Laden vergeblich.

Martinis für die Vernissage

Das helle und klare Geschäft ist zu jeder Zeit gut besucht. Eine Frau betritt den Laden und kauft nach kurzer Suche 40 Gläser à 80 Cent, mit denen sie bei einer bevorstehenden Vernissage Martinis servieren will. Ein Requisiteur ersteht sechs Glasvasen "zum Zerwerfen", die während einer Filmszene ein jähes Ende finden sollen. Eine andere Kundin braucht ein großes Weckglas, in dem sie einen Geburtstagskuchen backen will. Die nächste hat einen Blumenstrauß mitgebracht und sucht dafür die passende Vase. "Jetzt ist die Tulpenvasensaison" erklärt der Ladenbesitzer routiniert. "In ein paar Wochen, kurz vor Ostern, sind dann verstärkt die Bodenvasen gefragt."

Die Geschichte von "Glasklar" begann mit einem Mangel. Jan Hinrichs gefielen die Gläser, die zu Beginn der Achtziger Jahre im Berliner Einzelhandel erhältlich waren, überhaupt nicht. Zu viele Schnörkel, bunte Drucke oder schnöde Eichstriche verunzierten seiner Meinung nach jedes einzelne Glas. Als freiberuflicher Grafikdesigner hatte er die Möglichkeit, im Großhandel einzukaufen und wurde dort auch prompt fündig. Er kaufte Wein- und Wassergläser, deren Gestaltung bei seinen künstlerisch geprägten Freunden gut ankam. Schon damals suchte er den Ausstieg aus seinem Beruf, den ihm "die Angst vor dem weißen Blatt Papier" und die Abhängigkeit von den Auftraggebern verleidet hatten. Und so begann er, sich nach geeigneten Räumen umzuschauen.

Einen Eindruck vom Warenangebot bekam er bei der Kosumgütermesse Frankfurt/Main. "Eine fürchterliche Veranstaltung: Acht riesige Hallen voller Kitsch und seltsamem Kunsthandwerk", erinnert sich Hinrichs. Doch zwischen all den bunten Ständen fand er auch italienische und französische Anbieter, die schlichte und rustikale Gläser ganz nach seinem Geschmack im Angebot hatten.

Im Jahr 1984 eröffnete er seinen ersten Laden in der Goethestraße. Den Boden des winzigen Geschäfts, das gerade einmal 2,60 Meter breit war, bedeckte er mit Quarzsand. "Da der Laden ziemlich versteckt lag, wollte ich damit auf mich aufmerksam machen. Und außerdem passte das Material gut, da aus Quarzsand Glas gefertigt wird", erklärt Jan Hinrichs. Fünf Jahre später zog er in einen deutlich größeren Laden in der Knesebeckstraße. Da hatte er schon reichlich Stammkunden und brauchte die Holzdielen nicht mehr zuzuschütten.

Eine Art Erziehungsauftrag

Den Ausstieg aus seinem Beruf als Grafiker hat Jan Hinrichs nie bereut. "So ein Laden ist doch weit mehr als nur eine Verkaufsfläche. Meine Arbeit sehe ich auch als eine Art Erziehungsauftrag", erklärt er. "Ich habe so viele ähnliche Gläser im Angebot, dass die Menschen gezwungen sind, ganz genau hinzuschauen und sich zu fragen, was ihnen wirklich gefällt und was zu ihnen passt." Auch Jan Hinrichs hat kontinuierlich sein Programm verändert. Früher gab es bei ihm blaue und grüne Salatschalen, von denen er nach eigenen Angaben mehrere tausend Stück verkauft hat. "In den Laden aber durften die nie! Sie standen immer draußen auf einem Ständer."

Den metallenen Ständer für Salatschüsseln gibt es noch. Doch die Schalen sind heute transparent und farblos wie der Rest des Sortiments. "Ich habe keinen einzigen farbigen Artikel mehr", sagt er. "Wenn man ein Geschäft so lange betreibt wie ich, dann gibt es zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Entweder man verwässert oder man wird konsequenter. Ich bin konsequenter geworden."

Glasklar Knesebeckstraße 13/14, Charlottenburg, Tel. 313 10 37, Mo.-Fr. 11-18.30 Uhr, Sbd. 11-16 Uhr