Gourmetspitzen

Ganz großer Aufschlag in der Clubhaus-Küche

Manchmal bedeutet ein Wechsel am Herd auch einen kompletten Wechsel des Küchenprogramms im Restaurant. Bei Frühsammer übernahm der ehemalige Sternekoch Peter Frühsammer die Rolle des Patrons und Ehefrau Sonja führt fortan Regie in der Küche.

Unter dem Strich steht damit: Die Grundausrichtung wandelte sich von herzhaft rustikal zu detailverliebt und filigran. Wir sind zu Gast im Clubhaus des Grunewalder Tennis Clubs. Keine Sorge, das ist kein Vereinstest, sondern ein öffentliches Feinschmeckerlokal. Genuss mit köstlichen Speisen und Getränken wird seit jeher in Berlin auch in den sportlich orientierten Clubs gepflegt. Mehr Ehre als alle Tennis-Erfolge und Turniere brachte Rot-Weiß-Berlin beispielsweise die feine Küche des Zwei-Sterne-Kochs Johannes King (heute auf Sylt) im Restaurant Grand Slam auf dem Clubgelände ein. Im Grunewalder Tennisclub war Peter Frühsammer schon einmal zu Hause, nannte das Lokal damals "Servino", bevor er eine neue Herausforderung suchte, inzwischen aber in die schöne alte Club-Villa zurückgekehrt ist.

Zu Lunch- und Dinner-Zeiten ist der großzügig bestuhlte und dezent dekorierte Saal im durchaus ehrwürdig wirkenden Restaurant mit seiner schönen Sommerterrasse vergleichbar eingerichtet wie das "Servino". Von der Atmosphäre her ist das Restaurant aber doch sehr unterschiedlich.

Abends wirkt der imposante Stuckdecken-Saal festlich, mittags ist typisches Businesslunch angesagt. Dementsprechend sind auch die Karten gestaltet. Das Lunch-Menü umfasst drei Gänge. Bei meinem Besuch gab es Ziegenkäse mit Traubenchutney und Pumpernickel als Vorspeise, geschmortes Lamm mit Gratin und roter Paprika, schließlich Panna Cotta mit Himbeeren als süßer Abschluss für 26 Euro.

Wer mehr Zeit mitbringt, kann das exzellent zusammengestellte Gourmet-Menü genießen. Etwa Schwarzwurzeln, die ich so sehr mag und so selten bekomme, zur Jacobsmuschel, einen Rochenflügel mit Spinat und Kurzgebratenem sowie Geschmortem vom Rind und Schokolade-Karamell als Dessert.

Bei allen Gerichten auf klassischer Basis riskiert Sonja Frühsammer mutig das wenig gängige Zusammenspiel der Aromen. Die Kerbelwurzel zur Seezunge ist ein Beispiel, Bouillabaisse-Sud, Quinoa, ein selten verwendeter Inka-Reis in Verbindung mit dem Wolfsbarsch, die Petersilienwurzel und Zitrone zu den Froschschenkeln. Nicht alle Kombinationen schmecken mir, doch das ist sehr subjektiv. Ich mag beispielsweise keine Schokolade zur Gänseleber und keine Kombinationen mit Kalbshirn. Vorzüglich finde ich die Idee, besondere Produkte unverfremdet wirken zu lassen. Das gilt für den Iberico Recebo Schinken oder luftgetrocknetes Hereford Prime Beef. Bei einem früheren Besuch habe ich die Kombination von Calamaretti und Steinbutt in mediterraner Sauce mit viel Tomate und Filets von der Blutorange probiert. Bei dieser gelungenen aromatischen Abstimmung war für meinen Geschmack lediglich der Steinbutt tot gebraten. Aber das mögen Gäste anscheinend mehr, als den Fisch noch mit glasigem Kern serviert zu bekommen. Was mir besonders gut gefiel, war die dezente Säure der Sauce. Steht die Dorade auf der Speisekarte, ist sie kross auf der Haut gebraten. Auch hier serviert die Köchin ein leichtes, verspieltes Geschmackserlebnis mit Fenchel und Curry, was die Nudeln parfümieren. Obwohl die Küche im Sternebereich agiert, sind die Gerichte kundenfreundlich kalkuliert. Das Dinner mit drei Gängen, eine Auswahl aus dem so genannten Kreativ-Menü kostet 59 Euro, vier Gänge 69 Euro. Berücksichtigt man den Wareneinsatz, zumeist edle Produkte aus der Region, wie Brandenburger Hirschfilet, geangelte Barsche oder Wachteln aus Zuchtbetrieben, darf man das Programm getrost empfehlen.

Die Bedienung agiert sportclubmäßig unkompliziert, aber stets freundlich. Peter Frühsammer ist sich nie zu schade, sich in den Service einzuschalten.

Die kleine Weinkarte ist ein ordentlicher Ritt durch europäische Anbaugebiete. Zu "Servino"-Zeiten taten Genießer gut daran, die eigenen Kreszenzen von zu Hause mitzubringen. Heute ist das Angebot aus deutschen Lagen, Italien, Burgund und Bordeaux sehr ordentlich und kundenfreundlich kalkuliert. So genossen wir einen großartig gemachten Meursault (2005). Erfreulich, dass etliche Weine auch glasweise ausgeschenkt und zum Degustationsmenü sorgfältig zusammengestellt werden. Insgesamt lohnt sich ein Besuch bei Frühsammers zu jeder Zeit.

Frühsammers Restaurant im Grunewalder Tennis-Club, Flinsberger Platz 8, Tel. 89 73 86 28, Ruhetage: Sonntag und Montag, Lunch tgl. ab 12 Uhr, Dinner ab 18 Uhr

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost