Zwölf Stunden

Wie geschmiert

| Lesedauer: 7 Minuten
Manuela Blisse

"Grease": Rock-'n'-Roller mit öliger Frisur und Petticoat-Mädchen mit gebrochenen Herzen. Bei diesem Musical steht eine Highschool Kopf - und ein bisschen auch das Publikum im Admiralspalast

09:50 Baustaub und Pfützen vor dem Theater müssen in den nächsten zwei Stunden beseitigt werden. Meiko Fischer (47), Hausmeister im Admiralspalast, weiß, dass dieser Job keinen Aufschub erlaubt. Am Abend ist Premiere, da muss der rote Teppich ausgerollt sein. Bis zum 20. März gastiert das weltberühmte Musical in Berlin. Mit dabei, allerdings nur an diesem Abend, ist Deutschlands derzeit bekannteste Blondine: Daniela Katzenberger. Sie schlüpft in die Rolle der Lehrerin Miss Lynch. Das wird noch ein wenig Probenzeit erfordern.

12:30 Vor anderthalb Stunden hat Dirk Rupprecht (42) die Kasse im Admiralspalast geöffnet. Der Andrang hält sich um diese Zeit noch in Grenzen. "Es haben aber schon die ersten Musical-Fans Karten gekauft", sagt er.

13:20 Im Hof hantiert Meiko Fischer mit einer gewichtigen Plastikrolle. Er entfernt die Plastikhülle, schneidet sich daraus kurzerhand ein paar Schuhüberzieher, und dann kommt er zum Vorschein: der rote Teppich. Auf einer Länge von gut elf Metern rollt er ihn vor dem Theater aus und befestigt ihn mit Tellernägeln.

13:30 Kai Heimberg (44), Projektleiter des Konzertveranstalters Semmel Concerts, schleppt Kartons mit den Premieren-Tickets. Dann kommen die Blumen von seiner Schwester Gaby, einer Händlerin. Dass das Musical im Admiralspalast aufgeführt wird, hat praktische Gründe. "Es ist ein schönes Haus, das man auch für eine kurze Zeit mieten kann", so Heimberg.

15:10 "Für die Kostüme brauchen wir acht anderthalb Meter lange Kleiderständer", zählt Kostümdesign-Chef Andreas Simon (41) auf. Das hat seinen Grund. "Alleine für die 15 Hauptrollen gibt es je drei komplette Outfits, für die Erst-, Zweit- und Drittbesetzung", erklärt er. Manche Rolle, wie die von Hauptfigur "Sandy", habe zudem zehn verschiedene Kostüme. Der Premierentag aber beginnt mit zwei anderen Kleidern. An der Nähmaschine näht Schneiderin und Gewandmeisterin Christin Schemmel (41) an einem schwarzen Kleid mit weiß-rosa Hibiskusblüten. "Das ist das Lehrerinnen-Outfit von Daniela Katzenberger", erklärt sie und überprüft zudem, ob der Reißverschluss problemlos funktioniert. Denn Reißverschlüsse seien das, was am meisten repariert werden müsse. Andreas Simon greift zum Bügeleisen und einem roten Kleid. "Damit wird Frau Katzenberger über den roten Teppich laufen", sagt er.

16:20 Probe. Auf der Bühne machen sich die Gang-Mitglieder der "T-Birds" wichtig. "Sonny" regt sich darüber auf, dass er Unterricht bei der "alten Lynch", der verhassten Englischlehrerin, haben wird. Und da stürmt Daniela Katzenberger auch schon auf die Bühne "Was ist hier los?", ruft sie. "Dominic, sollten Sie nicht in der Klasse sein?", setzt sie hinzu. Sie stockt, grübelt, flucht schließlich. " Ich habe den Text vergessen". Jill Gorrie beruhigt. "Versuch es einfach noch einmal." Es ist ja nur ein kurzes Gastspiel, das die Musicalnovizin heute gibt. Nach dem ersten Akt übernimmt Schauspielerin Suzana Novosel die Rolle wieder. Daniela Katzenberger wiederholt die Szene ein paar Mal, bis Jill Gorrie zufrieden ist. "Gut gemacht" sagt sie. Doch es geht noch weiter: alle Darsteller, Katzenberger inklusive, üben zehn Minuten lang das Verbeugen, bis die Choreographin endlich auch damit zufrieden ist.

16:40 Techniker Moritz Kunz (27) überprüft hinter der Bühne, unweit des roten Cadillacs, der später zum Einsatz kommt, die Mikrofone der "Grease"-Protagonisten. Auf der Bühne steht Abendspielleiterin und Choreographin Jill Gorrie. Die 38-jährige New Yorkerin hat selber jahrelang getanzt, ist auch am Broadway aufgetreten. Später wird sie, wie üblich, im Publikum sitzen und jeden Patzer notieren. Am Nachmittag ist nur ein kurzer Probedurchlauf geplant, das Team ist eingespielt, "Grease" hat bereits in Düsseldorf und Bremen Station gemacht.

17:00 Daniela Katzenberger muss, wie alle anderen auch, in die Maske und ihr Kostüm anziehen. "Privat würde ich keinen Petticoat tragen, aber für den roten Teppich ist das Kleid klasse", sagt sie und findet noch einen weiteren Verwendungszweck: Sie will es am Wochenende auf einer Faschingsparty tragen. "Ich bin jetzt schon total nervös, auch wenn niemand von mir einen perfekten Auftritt erwartet", sagt sie.

17:05 "Das Lampenfieber kommt kurz vor Vorstellungsbeginn", verrät Hauptdarstellerin Sanne Buskermolen alias "Sandy". Es ist die erste Hauptrolle für die Holländerin, die noch nicht geboren war, als "Grease" 1972 in New York startete und 1978 in die Kinos kam. "Mein Onkel war Fan. Bei ihm hing ein Poster von Olivia Newton-John", erzählt die 28-Jährige, als ihr Maskenbildnerin Belinda Heller (35) die Haare aufdreht, damit die erste Perücke, eine brave Pony-Pagenkopffrisur, auch richtig sitzt. "Ich habe Grease schon als 16-Jähriger im Theater des Westens gesehen", erinnert sich "Danny"-Darsteller Lars Redlich (29), der schon bei Musicals wie "Mamma Mia" mitgespielt hat. Die Tolle für seine Rolle frisiert sich der über 1,90 Meter große Berliner selbst. "Man braucht nur einen Fön und viel Pomade ", sagt er.

18:44 Noch eine dreiviertel Stunde bis Vorstellungsbeginn. An der Garderobe wartet Biologie-Studentin Tina Teutscher (30) darauf, dass die ersten Gäste ihre Mäntel abgeben. Ein paar Meter entfernt steht Stefan Bielefeld (48) von Funfood Berlin - er verteilt zur Premiere kostenlos Zuckerwatte. Zwei Mitarbeiter eines Brandsicherheits-Wachdienstes sind im Haus unterwegs und kontrollieren Fluchtwege und Sicherheitsauflagen.

19:00 Stagemanagerin Amy Schneider (45) nimmt ihren Platz links hinter der Bühne ein. Der besteht aus einem Drehstuhl, einem knappen Dutzend Schaltern sowie zwei Monitoren. "Per Lichtsignal gebe ich Anweisungen. In einer halben Stunde beginnt auf mein Zeichen die Show", sagt Amy Schneider. Auf den Monitoren sind Bühne und Band zu sehen. Genauer: Bandleaderin Janice Aubrey. Sie hat die 60 längst überschritten, doch vom Temperament her könnte man sie für eine junge Musikerin halten. Sie sitzt am Keyboard, den Rücken zum Publikum, spielt und dirigiert mit vollem Körpereinsatz. Die Band thront zwölf steile Stufen über der Bühne "Da sollte man keine Höhenangst haben", scherzt Saxophonist Charles Frommer (47).

22:00 Großer Applaus - die Show ist vorbei. Für die Premierengäste beginnt jetzt die Party. Im Foyer im ersten Stock hat Andreas Max (39) von Max Event das Büffet aufgebaut. "Natürlich amerikanisch, mit Mini-Hamburgern und Donuts", sagt er. Eine Stärkung könnte auch Kostümdesigner Andreas Simon gebrauchen. Doch der hat noch einen Riesenjob zu erledigen. "Alle Kostüme müssen gewaschen und zum Trocknen aufgehängt werden", sagt er. Das dauert bis nach Mitternacht. Dann hat der nächste Vorstellungstag schon wieder begonnen.