Zwölf Stunden

33 Jahre lang getrödelt

Der Flohmarkt in Tiergarten ist ein typisch Berliner Wochenendvergnügen. Seit 1978. Selbst gegen Ende des Winters überstehen Händler die Verkaufstage nur mit Skihosen, Pullovern und viel Kaffee

06:00: Die sibirisch anmutende Berliner Winterkälte lässt Gesicht und Hände schmerzen, kriecht unter jede noch so dicke Jacke. Eine letzte Bude müssen Thomas Napierala und seine Kollegen noch aufbauen, dann ist es geschafft. Es ist stockdunkel, doch schon seit drei Stunden laufen auf der Straße des 17. Juni in Tiergarten die Vorbereitungen für Berlins berühmtesten Flohmarkt. "Die Jungs leisten echte Knochenarbeit, egal ob es regnet, stürmt oder schneit", sagt Erik Wolff anerkennend. Der 77-Jährige gehört zu den ersten Händlern, die so früh schon ihre Tische bestücken. Der Mann ist abgehärtet: "Ich war elf Jahre alt, als der Krieg vorbei war. Was wir heute frieren nennen, hat man damals gar nicht zur Kenntnis genommen", sagt er grimmig. Und der Einsatz zahlt sich für ihn und seine Kollegen aus: Viele Händler sind deshalb schon Stunden vor der offiziellen Öffnung des Marktes da, weil so früh mit den professionellen Antiquitätenhändlern die besten Geschäfte gemacht werden können.

07:00: "Zwei Kaffee, bitte." "Machste mir een Kaffee?" "Dreimal Kaffee." Esther Maase kommt in dem kleinen Imbisswagen kaum hinterher mit dem Einschenken des bei den Händlern beliebtesten Wach- und Warmmachers. 20 bis 30 Liter gehen in den frühen Morgenstunden über den Tresen, ab und zu unterbrochen von heißem Kakao oder Tee. Und der Eine oder Andere greift schon vor dem Frühstück zum Glühwein. Maase selbst, die wochentags Landschaftsarchitektur studiert, setzt lieber aufs Zwiebelsystem: "Ich hab fünf Pullover, eine Weste, zwei lange Unterhosen, eine Skihose und eine Daunenjacke an, dann geht das schon."

09:00: Michael Wewerka kann auf mehrere Klamottenschichten verzichten. Als Chef des Marktes darf er sich in den kleinen, geheizten 70er-Jahre-Wohnwagen mit der Aufschrift "Marktleitung" zurückziehen. Dort hakt der 74-Jährige, der Publizistik studierte bevor er eine eigene Galerie eröffnete, jetzt die Liste der Händler von heute ab. "Die meisten melden sich vorher bei uns an. Höchstens zehn Prozent kommen spontan." Da spricht fast ein halbes Jahrhundert Flohmarkt-Erfahrung: Wewerka gründete 1973 am Sophie-Charlotte-Platz den ersten Berliner Trödelmarkt. "Damals war ich manchmal der einzige Händler", erzählt er. Fünf Jahre später zog der Markt zur Straße des 17. Juni um - und wurde innerhalb weniger Jahre zu einer über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Institution.

10:00: Nicht nur das Publikum ist international, auch die Händler kommen mittlerweile extra für den Trödelmarkt aus Dänemark, Schweden oder Tschechien angereist. Oder aus Brüssel, wie der italienische Kunsthändler Sergio Mutinelli. Er kommt alle paar Wochen, vor allem wegen der schönen Atmosphäre, wie er sagt: "Die Leute sind so entspannt hier." Bedenkenlos könne er Kunden Gemälde mitgeben, wenn sie versprechen, später zu bezahlen. "Es ist noch nie jemand mit den Bildern abgehauen", sagt Mutinelli. "Das geht nur in Berlin."

10:45: Am Stand von Ines Schweighöfer begutachtet Helen Schulte rosafarbene Ballettschuhe. "Die hab ich früher selbst getragen", erzählt die Verkäuferin lächelnd. Als sie ihre Tanzkarriere an den Nagel hängen musste, eröffnete sie ein Geschäft für textile Antiquitäten. Derzeit verkauft sie die kunstvoll geklöppelten Tischdecken, Handtücher und Bettbezüge auf dem 17. Juni. Im Mai will sie in Zerpenschleuse, nördlich von Berlin, ihren neuen Laden "Emma Emmelie" aufmachen. Ob ihr das Herz nicht schwer wird, jetzt ihre alten Tanzschuhe zu verkaufen? "Nee, nee", sagt sie. Damit hab ich abgeschlossen." Und wenn die Kundin ein wenig länger geblieben wäre, hätte sie auch noch erfahren, dass die Verkäuferin der Ballettschuhe die Stiefmutter von Filmstar Matthias Schweighöfer ist - sie ist seit 20 Jahren mit dessen Vater verheiratet. So ist das auf dem 17. Juni: Hinter jedem Stand, jedem Händler, jedem Gegenstand verbirgt sich eine spannende Geschichte.

11:50: Journalist Egemen Cantürk, der in Berlin für den türkischen Fernsehsender TRT arbeitet, hat schon Dokumentationen über den Trödelmarkt gedreht. Heute ist er privat da, um bei seinem Freund Ceto Aydin vorbeizuschauen. Der Mongole verkauft seit 30 Jahren orientalische Teppiche und afrikanisches Kunsthandwerk auf dem 17. Juni. Jeden Gast empfängt er mit einer Tasse Tee. "Ich bin vor allem hier, um mit Menschen in Kontakt zu kommen", sagt er. An manchen Wochenenden verkaufe er fast nichts. Geld verdiene er vor allem in seinem Geschäft am Kaiserdamm. "Aber dieser Markt ist wie eine Sucht", sagt er.

14:00: Flohmarkt-Chef Wewerka, der jetzt, nach allen Seiten grüßend, durch die Gänge spaziert, kennt die Anekdoten: Über Schmucksteine für zwei Euro, die sich als wertvolle Brillanten entpuppten. Oder über den Glasrahmen für 75 Euro, der eine lang gesuchte Druckplatte eines berühmten Renaissance-Malers verbarg. Auch deshalb kann er selbst das Stöbern nicht lassen. Noch heute kauft er jedes Mal irgendetwas, am liebsten Bücher und Schallplatten. Auf den Frühling freut er sich aber vor allem als Geschäftsmann: "Die vergangenen zwei harten Winter haben uns richtig viel Geld gekostet", sagt er. Anfang des Jahres musste ein Verkaufstag wegen Glatteis abgesagt werden, ein Novum in der Geschichte des Marktes. "Am selben Tag habe ich wütende Mails von Leuten bekommen, die extra aus Frankreich angereist waren", erzählt Wewerka.

16:00: Aufregung im Hauptgang: Einem Händler-Paar wurde beim Einpacken eine Tasche aus dem Auto geklaut. Und keiner hat etwas gesehen. Jetzt beschweren sich die beiden bei der Marktleitung darüber, dass sie nicht einen Parkplatz näher an ihrem Stand bekommen. Es wird nicht lange dauern, dann erfährt auch Beate Kautz davon. An ihren Imbiss kommen im Laufe des Tages fast alle Händler, um den Hunger zu stillen. Und da werden natürlich die neuesten Geschichten eingehend erörtert. Jetzt wirft Kautz eine letzte Portion Pommes in die Friteuse - und wirkt dabei erstaunlich vergnügt. Dabei ist sie schon seit zwei Uhr nachts auf den Beinen, um den Budenbauern ab 3.15 Uhr heißen Kaffee anbieten zu können. "Und wenn ich nachher noch Kuchen nachbacken muss, komme ich erst um zehn ins Bett", sagt sie. Der Imbiss auf dem Trödelmarkt ist ihr Leben: Inklusive Einkäufen und Vorbereitungen arbeitet sie rund 70 Stunden in der Woche dafür, dass Händler und Besucher etwas zu essen bekommen und sie selbst ein gutes Einkommen hat.

17:00: Feierabendstimmung. Während die Händler damit beginnen, ihre nicht verkauften Waren in große Kisten zu packen, machen sich Servan Al-Djaf und seine drei Mitarbeiter an die Arbeit: Knapp drei Stunden brauchen sie, um das Gelände des Marktes zu reinigen. Während sie fegen, werden die ersten Buden abgebaut. In wenigen Stunden wird auf dem 17. Juni nichts mehr darauf hindeuten, dass hier heute tausende von Menschen gehandelt, gekauft, gegessen und getratscht haben.