Film: Pina

Mehr sagen ohne Worte

Es war Mitte der achtziger Jahre, als Filmemacher Wim Wenders zum ersten Mal ein Stück der Tänzerin und Choreografin Pina Bausch sah: minimalistische Szenen, in denen Männer und Frauen versuchen, zueinander zu finden, tranceartig und mit geschlossenen Augen irren sie durch einen Wald von Stühlen, sehnsuchtsvoll.

Wenders war 40 zu der Zeit, kurz bevor er "Der Himmel über Berlin" drehte, Bausch war 45, und ihr Ensemble hatte sich gerade als das aufregendste unter den europäischen Tanztheatern etabliert.

Die beiden freundeten sich an und beschlossen, gemeinsam ein Projekt zu beginnen - halb Tanz, halb Film, eine spektakuläre Mischform -, sobald es eine Methode geben würde, die Macht der Bewegung von Körpern einzufangen. Im frühen Winter 2009 war es so weit: Die Proben begannen, um den emotionalen Ausdruck des Tanzes über die filmische Technik des 3D einzufangen. Bis dann, plötzlich und überraschend, Pina Bausch im Sommer 2010 starb. Wenders tat das, was Freunde tun: Er trauerte und beschloss, die Trauer in ein Denkmal zu überführen.

"Pina" läuft erst mal wie ein Biopic ab. Zwischen die Kommentare, Erinnerungen und Reminiszenzen sind Aufnahmen von Bausch selbst geschnitten, auf die Tanzsequenzen folgen, auf der Bühne oder auf den Straßen Wuppertals. Trotzdem ist "Pina" keine Mischung aus Trauerhommage und Ausdruckstanzbetroffenheit. Am Ende des Films sitzt eine Tänzerin an einer Straßenkreuzung in Wuppertal, auf einem von der Sonne verwelkten Abschnitt Gras, vor ihr steht eine billige Musikanlage, aus der eine Stimme von magischen Momenten singt. Ringsum ist Beton, Lastwagen rauschen an monoton leuchtenden Ampeln vorüber. Die Frau hat die Beine angezogen und blickt starr vor sich hin, bis ein Mann vorbeikommt, ihren Arm greift, sie hochzieht und sie verschwinden, ohne dass zu sehen ist, wohin. In so einer Schwebe bleibt auch, woher die Gewissheit eigentlich kommt, die am Ende zu spüren ist: dass Wim Wenders mit "Pina" eine Stimmung einfängt, die vielleicht längst nicht mehr existiert und zu der die graubraunen Industrielandschaften westdeutscher Gegenden genauso gehört wie Pina Bauschs Art, über Kunst zu sprechen: nicht abstrakt, sondern unmittelbar und doch ohne große Worte.

Dokumentation: D/F 2011 107 Min., von Wim Wenders

+++++