Berliner Perlen

Nur Hochdeutsch gibt es nicht

"Bier ist gut - sagt der Arzt." Wahre Wunderdinge vollbringt der Gerstensaft nach Ansicht des nicht näher bezeichneten Mediziners auf einem Plakat des Bayerischen Brauereiverbandes.

"Überarbeitet? Bier hilft entspannen! Nervös? Bier beruhigt die Nerven! Verkrampft? Bier lockert die Glieder!" Das Plakat stammt aus den 50er-Jahren und schmückt den Verkaufsraum des bayerischen Schmankerlngeschäfts "Weiß Blau" in Charlottenburg. "Eigentlich stimmt das alles. Wenn man es nicht übertreibt, ist Bier wirklich gesund", sagt Ladeninhaber Boris Priebe. Als begeisterter Biertrinker und gelernter Braumeister weiß er, wovon er spricht.

"Weiß Blau" ist ein Feinkostgeschäft für bayerische Getränke und Lebensmittel. Der Laden versprüht den rustikalen Charme eines Landgasthauses: zwei Tische, Holzstühle, karierte Tischdecken, zwei große Kühlschränke mit den Biersorten. Außer Bier kauft man dort Rohmilchkäse aus dem Allgäu, Presssack, Leberkäs', Obstbrände, Öle, Honig oder fränkische Weine. Selbstverständlich gibt es Weißwürste mit süßem Senf, die auf Wunsch warm gemacht werden.

Für jede Wetterlage

Es wäre etwas enttäuschend, wenn dort Hochdeutsch gesprochen würde. Erfreulicherweise erfüllt Boris Priebe alle Erwartungen, wenn er seine Kunden in oberpfälzer Mundart begrüßt und ihnen Biere für die entsprechende Wetterlage, Lebenslage und Tageszeit empfiehlt: "Tagsüber und zur Weißwurst ist natürlich ein Helles wunderbar. Jetzt im Winter darf es abends auch ruhig mal ein dunkles Festtagsbier mit einem höheren Alkoholgehalt sein", sagt er. Für besondere Gelegenheiten bieten sich Heller Bergbock, dunkler Doppelbock, Weizenbock, Felsentrunk, Zoiglbier, Erbschänk oder auch ein Kraftstöffla an.

Auf Nachfrage erklärt er, dass es sich bei dem Zoiglbier um ein ungefiltertes, naturtrübes Bier handelt, das direkt nach dem Nachgärungsprozess in Flaschen abgefüllt wurde. Da ein Zoiglbier noch sämtliche Schweb- und Trübstoffe enthält, ist es aus ernährungsphysiologischer Sicht besonders wertvoll. Ein einziger Einkauf bei "Weiß Blau" reicht bei Bierfreunden aus, ihr Wissen zum Thema Bierbrauen um ein Vielfaches zu erhöhen.

Der Ladenbesitzer redet mit lauter Stimme. Zu jeder Wurstsorte und zu jedem Obstbrand kann er etwas erzählen. Da ist zum Beispiel die Käsesorte "Gepfeffertes Ärschle", ein so genannter rotgeschmierter Bio-Weichkäse mit grünem Madagaskar-Pfeffer. "Der Käsemeister ist ein ganz irrer Typ mit einem Rauschebart, der in einem kleinen Ort lebt und nur Milch von Biobauern aus der Region verwendet", erklärt Priebe. Seine Lebensmittel werden nicht industriell gefertigt und kommen ohne künstliche Zusatz- und Geschmacksstoffe aus. Genau wie den Käsemeister kennt der Ladeninhaber etwa 90 Prozent der Hersteller persönlich.

Ans Herz gewachsen ist ihm der Produzent eines Eierlikörs. "Der Mann lebt auf einem traditionellen Bauernhof. Die Hühner liefern die Eier, das Obst wird hinter dem Haus angebaut und die Sahne für den Likör kommt von seinen Kühen", sagt Priebe. Nur 300 Flaschen von jeder Sorte produziert der Hersteller pro Jahr. Da gibt es schon mal Lieferengpässe. Die raren Flaschen tragen charmante, altmodische Etiketten, bei denen sicherlich nie ein Grafiker Hand angelegt hat. "Bei solchen Produzenten geht es nicht um die Optik, da zählt nur der Inhalt", erklärt der 36-Jährige. "In großen Brauereibetrieben sieht es meist umgekehrt aus. Da wird das ganze Geld in Marketingkampagnen und Sponsorenverträge investiert. Was in die Flasche kommt, ist unwichtig."

Wer eine Karriere als Bierbrauer startet, landet deshalb unweigerlich in einem riesigen Unternehmen. "Oder in der tiefsten Pampa", sagt Priebe. "In Kleinstbetrieben mit drei Häusern und einer kleinen Brauerei." Beide Lebenswege schienen ihm nicht erstrebenswert. So zog er nach Berlin und machte dort eine Weiterbildung als Lebensmitteltechniker. "Es hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass mich auch dieser Job wieder in die Industrie führen würde", sagt er "Und da ich in Berlin ständig suchen musste, um gutes Bier zu besorgen, dachte ich: Das müsste doch eine Marktlücke sein." 2005 eröffnete der Braumeister sein Geschäft in der Danckelmannstraße, vor anderthalb Jahren zog er in die Knobelsdorffstraße.

Brotzeit und Obazda

Etwa ein Viertel der Kunden sind Bayern. "Von uns gibt es ja nur etwa 30 000 in Berlin", erklärt Priebe. Als er den Laden eröffnete, wollte er vor allem außer Haus verkaufen. Mittlerweile macht die Hälfte der Kunden dort Brotzeit. Und so wird es in den Nachmittagsstunden oft voll in den beiden Räumen. Dann werden in kommunikativer Runde Brezn und Käseplatten verzehrt. Donnerstags gibt es frischen Obazda, alle zwei Wochen kommt mittwochs frisches Sauerteiggewürzbrot aus Oberfranken auf den Tisch. Dazu kosten die meisten Gäste ein Bier. Nicht im Angebot bei "Weiß Blau" sind alkoholfreie Biere. "Alkoholfreies Bier ist wie ein Schweinebraten ohne Fett. Ich habe mindestens 30 verschiedene Sorten alkoholfreies Bier probiert, nicht eines hat geschmeckt", seufzt der Bierexperte. "Wie auch? Das Verfahren, mit dem der Alkohol entzogen wird, ist sehr aggressiv. Das Bier wird hoch erhitzt und verliert nicht nur den Geschmack, sondern auch die wichtigsten Nährstoffe." Gesund kann so etwas vermutlich auch nicht sein.

Weiß Blau Knobelsdorffstr. 37, Charlottenburg, Tel. 364 10 163, Mo.-Mi. 11-19 Uhr, Do.-Fr. 11-20 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr