Gourmetspitzen

Eine neue Adresse für Promiwirt Adnan Oral

Wie immer, wenn Adnan, der Zeremonienmeister der alten West-Berliner Restaurant-Szene einlädt, ist der Andrang gewaltig. So war es auch bei der Eröffnung seiner neuen Restaurant-Idee "Bey" in der Knesebeckstraße. Bei Openingparties spielt in der Regel die Küche noch keine Rolle.

Da fließt der Champagner, werden Häppchen im Stehen verdrückt. Wichtig ist es, das Lokal ins Gespräch zu bringen, die neue Adresse zu platzieren. So habe ich dann auch ein paar Wochen gewartet, um den Köchen und dem Service Einspielzeit zu geben.

Wie ist nun die Küche im Bey, einmal isoliert vom Wohlfühl- und Promi-Faktor? Die Ausrichtung ist mediterran, angenehm leicht, fast gesundheitsorientiert, ohne den Genuss zu minimieren. Da hinein passen natürlich sehr gut ein paar asiatische Elemente, die wenig plakativ, aber gekonnt als Aroma-Tupfer eingebracht werden. Ein Beispiel ist das vorzügliche Sashimi vom Thunfisch. Das frische Produkt offenbart Klasse. Aber ich höre schon die Unkenrufe, das sei ja keine Kochkunst. Irrtum: Hier wurde die Beize, Würze und Abstimmung derart gekonnt und nicht überfrachtet eingebracht, dass ebensoviel Lob wie beim perfekten Braten, Pochieren oder Gratinieren angebracht ist.

Insgesamt ist die Verwandtschaft mit dem Adnan-Stammhaus sowohl von der Konzeption wie vom Ambiente gleich erkennbar. Es ist wie eine neue Geliebte, die vom Typ der Ex aufs Haar gleicht, nur 15 Jahre jünger ist. Auch im Bey gibt es die handgeschriebene Tageskarte mit ein paar Salaten, leichten (und preiswerten) Vorspeisen wie Carpaccio von der Jacobsmuschel oder einem Hähnchen-Scampi-Spieß. Bei unserem Besuch hatte der Koch gerade frischen Schwertfisch und Loup de Mer bekommen. Mutig offerierte er den Schwertfisch vom Grill. Das ist einer der kompliziertesten Fische, weil er leicht trocken und häufig geschmacksneutral gerät. Das Abenteuer gelang. Der Fisch war kaum faserig. Der Loup wird im Ganzen auf der Haut gegrillt (auf Wunsch in der Pfanne gebraten) und ist natürlich noch deutlich saftiger.

Wie im Adnan gibt es das kräftige 400-Gramm-Kalbskotelett (weniger ist für mich Carpaccio) mit der klassischen Salbei-Zitronenbutter und Kartoffelstampf. Besser noch ist das Steak-Angebot. Hier wird American Prime Beef aus Nebraska verarbeitet, das ich wegen des kräftigen Geschmacks mit dem deutlich teureren Wagyu gleichsetze.

Für einen Gemeinschaftsspaß am Tisch ist die große Scampi-Tafel gedacht. Zum Selbstbedienen kommt die große Kilo-Portion auf den Tisch, gegrillt, mit Saucen, die auf Wunsch der Gäste angeschlagen werden (z. B. Sauce Bearnaise, Aioli oder Trüffeljus). Allerdings steht das Vergnügen auch mit 45 Euro auf der Rechnung.

Bei den Desserts hebt sich eine kleine Köstlichkeit von den Standards wie Creme Brûlée oder Tarte mit Vanilleeise ab: Adnans Apfel. Der wird mit Marzipan gefüllt und in Pergamentpapier gewickelt, dann im Ofen gegart und mit frischer Vanillesauce kombiniert. Einfach köstlich.

Recht ungewöhnlich ist bei Adnan die Wein-Kalkulation. Die beiden Kreszenzen des Monats, zwei sehr gute Lagen aus Italien sind jeweils mit 19 Euro berechnet. Wer mag, kann natürlich auch einen Sassicaia für 350 Euro oder einen Solaia für 365 Euro bestellen. Der Weinservice ist ausgezeichnet, der ganze Bedienungsapparat läuft reibungslos und schnell. Auch wenn die 150 Plätze besetzt sind, muss keiner warten. Wenn im Frühjahr die Sonne die Gäste auf die Straße lockt, verdoppelt sich mit der Straßenterrasse das Platzangebot noch einmal. Servicetechnisch ist das kein Problem, nur müssen die beschwerdefreudigen Nachbarn einkalkuliert werden. Das macht Adnan höflich, ja galant, dem Namen des Restaurants entsprechend: das türkische Bey heißt nämlich übersetzt "Grandseigneur" oder einfach "Herr".

Bei so viel Lob ist das einzige Problem, das ich sehe, dass man Adnan nicht klonen kann. Der besondere Reiz, das bestätigen immer wieder die Gäste, ist doch, dass der Maître mittags und abends immer da ist und jedem einzelnen das Gefühl gibt, der wichtigste Gast zu sein. Da ist es schon ein erheblicher Vorteil, dass die beiden Lokale gerade mal zwei Straßenecken weit auseinander liegen. So wie der Chef selbst werden es auch die Kunden halten und wechselweise den Klassiker oder die moderne Variante Bey mit ihren asiatischen Elementen besuchen. Nahezu unschlagbar sind die beiden Joker des gebürtigen Türken, der wie ein Edelmann auftritt: gute Stimmung und ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Bey , Knesebeckstraße 33/Ecke Mommsenstraße, Tel. 88 72 06 67, täglich außer sonntags von 12 bis 24 Uhr geöffnet

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