Kleine Entdeckungen

Die Postkutsche an der Wand

"Ein Relief im Innenhof?". Die Mitarbeiterin der c/o Galerie im ehemaligen Postfuhramt an der Oranienburger Straße/Ecke Tucholskystraße ist erstaunt. "Das kenne ich nicht, aber schauen Sie doch selbst", sagt sie freundlich.

Man muss es tatsächlich wissen, sonst würde man den Fassadenschmuck übersehen. Deutlicher gesagt: Es gibt keinen weiteren Grund, den Hof des Postfuhramts zu betreten. Die gelbe Klinkerfassade hat weit bessere Zeiten gesehen. Als Parkplatz und für Lieferungen ist das Gelände sinnvoll genutzt - mehr aber nicht. Wäre da nicht dieses kleine Schmuckstück.

Gen Osten schauend erblickt man hochgereckten Kopfes das Terrakottarelief: eine Postkutsche, gezogen von vier Pferden. Darüber ein Kutscher, der versucht, das Gespann im Zaum zu halten. Eine Familie steigt gerade ein. Der Vater sitzt bereits, die Mutter ist mit Kindern und Hund beschäftigt. Schöpfer des Reliefs ist der Bildhauer Hermann Steinemann. 1878 hat er es angefertigt, als das Postfuhramt entstand. Mancher Fassadenschmuck wurde wegen Kriegsschäden in den 50er-Jahren abgeschlagen, doch dieses Relief ist restauriert und wirkt wie kürzlich angebracht. Was ihm fehlt, ist der Betrachter. 1995 hat die Post den Betrieb eingestellt. Und der Hof macht den Hingucker unsichtbar.