Berliner Perlen

Mehr als nur ein Augenblick

| Lesedauer: 5 Minuten
Andreas Gandzior

Schneller Vorlauf, Standbild oder Zeitlupe - mit einem Knopfdruck auf der Fernbedienung lassen sich gewünschte Filmgeschwindigkeiten am DVD-Player leicht realisieren. Machbar war das aber bereits vor knapp 150 Jahren.

Statt der Digitalmaschine brauchte es nur ein wenig Geschick. Die Rede ist vom handlichen Daumenkino, das beim schnellen Abblättern von Seiten mit Fotos, Zeichnungen oder Collagen einen filmähnlichen Handlungsablauf zeigt.

Die Idee stammt aus einem der Geburtsländer der bewegten Bilder, aus Frankreich. Aber es war der Brite John Barnes Linnett, der sich 1868 das Patent sicherte. Dass diese Form der Unterhaltung in einer hoch technisierten Welt weiter Bestand hat, ist unter anderem Sabine Klar zu verdanken. Der Daumenkinographin. Dazu braucht es viele Talente. Die 36jährige Diplom-Designerin ist ausgebildete Kauffrau, Fotografin, Drehbuchschreiberin und Kreativ-Direktorin in Personalunion. Sie betreibt "Fingerwerk & Augenweide", ein Daumenkinofachgeschäft. Vor rund sechs Monaten eröffnete sie ihren Laden. Bislang hat sie es nicht bereut.

Collagen und Loriot

"Wir haben bis vier Uhr morgens Regale gebaut und gedübelt", sagt Klar über das kurzzeitige Chaos in ihrem Laden. Die Daumenkinos habe sie bis vor Kurzem an der Wand hochstapeln müssen. Ein unhaltbarer Zustand. Daher die neuen Regale. Auch das restliche Mobiliar scheint handverlesen. Der hölzerne Verkaufstresen, das "Geöffnet"-Schild. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Aber im Mittelpunkt stehen die Daumenkinos aus aller Welt. Die Bilder messen nur wenige Quadratzentimeter. Mal sind sie in Farbe, mal in Schwarz-Weiß, mal gezeichnet oder aus Fotos zusammengestellt. Sabine Klar hat Sketche von Loriot und Arbeiten von Fotograf Volker Gehrling im Angebot. Dessen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom Berliner Dom im Mondschein gehören zu den künstlerischen Arbeiten im Geschäft.

"Ich freue mich über jedes neue Daumenkino, das ich entdecke", sagt sie. "Ich möchte meine private Sammlung ausbauen. Und: Der Laden soll in den kommenden Jahren um ein Daumenkinomuseum erweitert werden." 200 Titel hat sie bereits im Sortiment. Regelmäßig sieht sie sich auf dem französischen Markt um. "Frankreich ist das Land der Daumenkinos, dort kennt das jedes Kind, so etwas gibt es dort in vielen Geschäften", erklärt Sabine Klar. Bei ihr kosten die Arbeiten drei Euro bis 20 Euro.

Aber noch bevor Sabine Klar ihre Sammelleidenschaft entdeckte, stellte sie eigene Daumenkinos her. "Aus Langeweile hatte ich schon im Schulunterricht Strichmännchen gezeichnet", sagt sie. In ihrem Erstlingsbüchlein wird Strichmännchen "Hilde" mit Rosen überhäuft. "Früher gab es in fast jeder Packung Cornflakes ein Daumenkino", erinnert sich Sabine Klar.

Mit einer soliden Ausbildung im kaufmännischen Bereich verließ sie 1998 ihre Heimat Paderborn in Richtung Berlin. Sie studierte an der heutigen Hochschule für Technik und Wirtschaft. Hinzu kam die Liebe zur Fotografie und zum Film "Zur Sache, Schätzchen" mit Uschi Glas. In dieser Komödie spielt ein Daumenkino eine entscheidende Rolle. "Ich habe mir 2004 ein Probejahr gegeben und mit eigenen Produktionen begonnen", erzählt Sabine Klar. Für Freunde und Verwandte fertigte sie kleine Werke an. "Teilweise im Kopierladen vervielfältigt und dann gebunden. Die meisten sind schon nach ein paar Durchgängen auseinandergefallen." Dank eines Zulieferers aus Köln kamen vom Rhein nicht nur die richtigen Materialien, sondern auch eine Menge Tipps. Jeder weitere Schritt sei dann "learning by doing" gewesen. Ein Jahr später war sie hauptberufliche Daumenkinographin.

"Meinen ersten professionellen Auftrag mit 100 Exemplaren hatte ich bei der Kinoproduktion 'Emmas Glück' mit Jürgen Vogel", sagt sie. "Jeder aus dem Team bekam von der Produktionsfirma als Andenken einen Schweine-Fingerfilm überreicht." Das Motiv ist auch heute noch als "Das Fleckenschwein" einer der Bestseller des Ladens. Es ging mehrere tausend Male über die Ladentische, denn Klars Fingerfilm-Verlag versorgt seit 2005 rund 60 Einzelhändler in Deutschland und der Schweiz. Auch zahlreiche Firmen zählt sie zu ihren Kunden. Sie ordern die Blätterfilme als Werbegeschenke.

Sonderanfertigungen

Beliebt sind besonders ihre individuellen Filme. "Kunden bestellen sich zum Beispiel die ersten Schritte ihrer Kinder als Büchlein. Andere wollen ein Liebesbuch für den Partner oder einen bewegten Gruß an einen Freund. Ich verpacke jede persönliche Botschaft in ein Daumenkino", sagt sie. Dazu hat sie eigens ein Fotostudio im Geschäft.

"Anregungen dafür holen sich die Kunden im Internet oder direkt im Laden. Danach wird geschaut, wie sich das am schönsten umsetzen lässt. Und bald ist dann das Drehbuch für den individuellen Fingerfilm fertig." Die Möglichkeiten seien vielfältig, sagt Sabine Klar. "Daher ist das Medium Daumenkino für mich auch nach sieben Jahren immer noch so interessant wie am ersten Tag." Ein Daumenkino-Unikat bekommt man inklusive Fotoshooting ab 80 Euro. Von der Idee bis hin zum fertigen Produkt.

Fingerwerk & Augenweide Kopernikusstraße 1, Friedrichshain, Tel. 60 92 70 20, von Dienstag bis Freitag 11 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr, sonnabends von 11 bis 16 Uhr, www.daumenkino-berlin.de