Mein perfekter Sonntag

Nicht ohne meine Tochter

Eigentlich mag Jeanette Hain Sonntage nicht. "Es sind Tage, die für mich aus der realen Welt gefallen sind", erzählt die Schauspielerin. Sich genau an einem bestimmten Tag entspannen zu müssen, funktioniert bei ihr nicht.

Das mag daran liegen, dass die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern sich nicht an den Wochenrhythmus anpassen muss, da eines ihrer beiden Kinder noch nicht, und das andere nicht mehr in die Schule geht. Ihre Kleine, Tochter Malou, ist vier Jahre alt. Für sie haben Wochentage ohnehin noch keine Bedeutung. Trotzdem bestimmt die Kleine Jeanette Hains Sonntag.

Gefrühstückt wird im Café Bistro 1900 in der Charlottenburger Knesebeckstraße, und das aus gutem Grund. Als Jeanette Hain aus München nach Berlin zog, lag ihre erste Wohnung neben dem damals noch leerstehenden Café, oder wie sie es beschreibt: "Zuerst war es ein leerer Raum und dann wurde es mein Wohnzimmer." Zusammen mit Phillip, dem Besitzer des kleinen, wohnzimmergemütlichen Bistros hat sie dort die ersten Regale an die Wand angebracht.

Mit Kind und Hund zum See

Jonas, ihr 19-jähriger Sohn, isst in dem Café regelmäßig, wenn sie dreht. Und wenn Malou nicht mehr am Tisch sitzen will, kann sie dort in der Küche mithelfen. Dann hat Jeanette Hain einen Moment der Ruhe, um einfach mal aus dem Fenster zu gucken. "Es gibt Orte, die die ganze Familie umarmen", sagt sie. "Und das hier ist einer davon." Ein anderer Platz an dem sich Jeanette und Tochter wohlfühlen, ist die Jugendfarm Moritzhof in Prenzlauer Berg mit Schafen oder Ziegen, die von den Kindern gefüttert werden können. Außerdem schätzt sie die Seen rund um den Grunewald . Spielplätze mag Jeanette Hain nicht besonders: "Ich habe immer das Gefühl, dass diese künstlich angelegten Räume für Kinder etwas Zusammengepferchtes haben."

Außerdem kann Jeanette Hain im Grunewald oder am Stadtrand auch mal ihren Hund mitnehmen. "Im Sommer schwimmen wir sogar alle zusammen im See." Der Ort hat für die vielbeschäftigte Schauspielerin eine ganz besondere Bedeutung. Hier mitten im Wald wurde sie schon von Jim Rakete für das Frankfurter Filmmuseum fotografiert - mit einem Cello in einem Baum sitzend. In ihrem gerade in den Kinos angelaufenem neuen Film "Poll", der schon beim Filmfestival in Rom den Spezialpreis der Jury erhalten hat und gleich drei Bayrische Filmpreise gewann, spielt sie wieder Cello. "Es ist schon mein dritter Film, indem ich Cello spiele."

Mittlerweile ist die Münchnerin von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg gezogen. "Der Drill ist für die Kinder in Prenzlauer Berg hoch", sagt sie. "Die Eltern verlangen von ihren Kindern, dass sie das machen, was sie selber versäumt haben." Trotzdem gibt es für sie noch Dinge im "Prenzlberg" zu entdecken, etwa am Helmholtzplatz: "Unbedingt Nudeln Essen beim Italiener , Maccheroni'. Und wenn mal schlechtes Wetter ist, dann ab in den Laden "Kiezkind" ." Dort gibt es einen Sandkasten mitten im Café, und während Jeanette gemütlich Kuchen isst, backt Malou Küchlein aus Sand. Es ist wie ein Spielzimmer, auch für Erwachsene. Man kann in Ruhe etwas mit Freunden besprechen, während die Kleine beschäftigt ist. Gerade solche Besonderheiten mag die Münchnerin an Berlin. Überhaupt hat sie sich, als sie mit 15 Jahren das erste Mal in Berlin war, gleich unendlich in die Stadt verliebt. Sie drehte hier lange für die Sat.1-Serie "Bis in die Spitzen". Dabei hatte ihr Sohn sie so oft in Berlin besucht, bis er selbst von der Stadt überzeugt war. Berlin bedeute, in den Himmel wachsen. München dagegen: den Kopf nach unten tragen. "Berlin hat Pfeffer", sagt Jeanette Hain. "München ist Valium auf zwei Beinen."

Beim Dreh ist Malou immer dabei

Jeanette Hain hat zwar auf der Münchner Filmhochschule Regie studiert, wollte aber als kleines Mädchen schon Schauspielerin werden. "Es gab so viel, was ich gerne gemacht habe: malen, fotografieren, all das konnte ich irgendwie mit dem Medium Film umsetzten." Zuerst war sie nur Gasthörerin. Im zweiten Anlauf schaffte sie dann aber die Aufnahmeprüfung. Während Jeanette Hain erzählt, wechselt sie vom Hochdeutschen ins Bayrische und manchmal berlinert sie auch. Meist erzählt sie über ihre Tochter. Schließlich ist die auch immer dabei. Malou war bei Jeanettes erstem Dreh nach der Geburt, einem "Tatort", erst vier Wochen alt. "Wahrscheinlich hat sie die Schauspielerei durch die Muttermilch mitbekommen." Malou war zwei Mal in Afrika dabei, in Estland und in England. Sie ist praktisch immer am Set und würde auch immer gerne mitspielen. Mittlerweile hat sie das auch schon. Die Regisseure Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben je einen Spielfilm von 90 Minuten Länge produziert. Für einen der Filme stand Malou das erste Mal vor der Kamera. In der letzten Szene musste die Kleine ins Bett gehen. "Wenn man mit Kindern dreht, kann man nichts über das Knie brechen."

Überhaupt wird vieles in ihrem Leben von ihrer Tochter bestimmt. Die Kleine ist eine Langschläferin und steht erst um 9 Uhr auf. Jeanettes Leidenschaft für die Schauspielerei, ist auch auf ihre Tochter übergesprungen. Deshalb wird der Sonntag für Jeanette Hain auch bald eine andere Bedeutung bekommen. Denn wenn Malou in die Schule kommt, wird es nicht mehr möglich sein, dass bislang auch "jeder Montag oder Dienstag ein Sonntag" für Jeanette Hain sein kann.

"Berlin hat Pfeffer, München ist Valium auf zwei Beinen"

Jeanette Hain, Schauspielerin