Gourmetspitzen

Hier werden Portionen für die Puppenstube serviert

Der Gourmet-Kompass durch den Dschungel der verschiedenen Bewertungen, den Baron von Hornstein erstmals erstellte, indem er die Quersumme aller Ergebnisse der Gastro-Führer mit Sternen, Hauben, Löffeln und Diamanten errechnete und damit eine höchst objektive Rangliste bekam, weist in der gerade veröffentlichten aktuellen Ausgabe Berlin wieder als absoluten Spitzenreiter in Deutschland aus.

Christian Lohse im Fischers Fritz auf Platz 14 ist der Top-Star, gefolgt von First Floor, Hugos, Facil, Lorenz Adlon, Margaux, Quadriga und Vau. Nicht unter den ersten 100 leider der sympathische Marco Müller im Rutz und Tim Raue.

Das Restaurant, das auf dem Kurfürstendamm im vergangenen November dicht gemacht und vor einem Monat Unter den Linden neu eröffnet wurde, ist von solchen Spitzenpositionen Lichtjahre entfernt. Aber Sie wissen ja, die Gastronomie einer Weltstadt definiert sich nicht allein über Sterne. Wir sind zu Gast im Restaurant Daimlers, wo der automobile Stern im Mittelpunkt steht. War im alten Daimlers am Kurfürstendamm zumindest ein wenig abgeschlossene Bistro-Atmosphäre, speist hier der Gast auf schwarzem Leder unter Designerlampen im freien Raum des Ausstellungs-Bereichs. Sieht man einmal von den Auto-Modellen und den Miniaturen der Vehikel in der Schrankwand ab, ist das kleine Restaurant nur spärlich dekoriert. Der Service agiert freilich aufmerksam und liebenswert. Von den Gerichten der kleinen Speisekarte begann ich mit "Kartoffel und Wild". Gemeint war eine Kartoffelsuppe mit einer Wildschinkenpraline. Die Suppe war mit so viel Sahne montiert, dass kaum noch Kartoffelaroma zu schmecken war. Die appetitliche Wildpraline hatte die Größe einer Murmel. Schade. Und das ist auch der Zuschnitt der übrigen Gerichte. Es sind Portionen für die Puppenstube. Das Gericht "Tatar und Stakkato" vom Blauflossen-Thunfisch war beispielsweise eine klassische Amuse-bouche-Portion, ein kleiner Gruß aus der Küche und kein normaler Gang, ein Briefmarken großes Stücken Tuna, kurzgebraten und ein Kügelchen gebeiztes Tatar mit Senf-Öl leicht parfümiert. Geschmacklich nicht schlecht, wäre der Fisch nicht mit süßen Rosinen kombiniert. Da frage ich mich wirklich, was der Koch hauptberuflich macht.

Auf den Kalbstafelspitz mit Bouillon-Kartoffeln und Meerrettich-Sauce hatte ich mich gefreut, manchmal sorgt ein herzhaftes, gut gemachtes rustikales Gericht für einen Glücksmoment. Geschmacklich war es, die aromaneutrale Sauce einmal ausgenommen, nicht schlecht. Aber auch hier hatte ich vier kleine Appetithäppchen an Stelle einiger Scheiben auf dem Teller. Völlig unsinnig ist die eigene Interpretation der Berliner Currywurst. Lamm- oder Geflügelbratwurst kombiniert der Koch mit Tomaten-Curry-Salsa (Dip).

Nun ist nicht alles schlecht, was aus der kleinen Küche im Auto-Show-Room serviert wird. Die in Rotwein marinierte Perlhuhnbrust, das Tagesgericht, war auf den Punkt gebraten und optisch wie für den Gaumen eine Freude. Überhaupt scheint Business-Lunch, das täglich wechselt und auf einer Wochenkarte angekündigt ist, noch das Beste am Daimlers. Da stimmt das Preis-Leistungsverhältnis, denn für das Gericht und ein Getränk werden 8,50 Euro berechnet. Wer anspruchsvoller ist, bekommt zum Hauptgang noch eine Tagessuppe und ein Glas Champagner für 15 Euro. Während die Weinkarte ausschließlich deutsch orientiert und mit guten Lagen recht dünn besetzt ist, überzeugen die umfassenden Wasser- und Champagnerkarten (auch besondere Edel-Jahrgänge).

Wo die Crew am Herd klein ist, bleibt die Speisenauswahl zwangsläufig begrenzt, besteht das Angebot auch aus etlichen Standards, so die Entenbrust mit Sesam-Sauce oder Kalbshack-Lasagne. Manchmal riskiert der Küchenchef Kopf und Kragen, wenn er seine kreativen Anwandlungen umsetzt. Dann platziert er beispielsweise Parmesan- Risotto zum Forellenfilet oder eben die Rosinen zum Tuna. Doch das sind zum Glück die Ausnahmen.

Alles in allem ist das Produkt ganz gewiss keine S-Klasse, um in der Modellpalette des Autohauses zu bleiben, und wahrlich kann das Bistro nicht als Edelstein in der Krone der Berliner Gourmandise bezeichnet werden, sondern muss als ein schneller Imbiss für Laufkundschaft bewertet werden.

Der Service ist, wie gesagt, ausgezeichnet, weil flink und unaufdringlich. Das macht den Aufenthalt angenehm und lässt die kleinen Pannen der Küche großzügig vergessen.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Daimlers Unter den Linden 14, Mitte, Tel. 39 01 81 40, www.daimlers.de , Frühstück, Lunch und Dinner, Kreditkarten werden akzeptiert.