Berlin genießen

Nach dem Film ist vor dem Dinner

Die Berlinale macht hungrig. Den Film-Marathon nur mit Popcorn überleben, das schaffen nicht einmal hart gesottene Leinwand-Enthusiasten. Da kommt das Kulinarische Kino gerade recht. Zum fünften Mal findet das Festival im Rahmen der Filmfestspiele statt und zeigt, dass Kino, Gaumengenüsse und die Auseinandersetzung mit dem, was wir täglich zu uns nehmen, eine gelungene Symbiose eingehen können.

Eine Handvoll Filme werden als dreigängiges Menü serviert. An fünf Tagen heißt es erst Film gucken, dann Abendbrot essen und anschließend darüber reden. Fünf Berliner Spitzenköche kochen zu je einem der Filme ein korrespondierendes Menü. Orte des cineastischen wie kulinarischen Geschehens sind wieder das Kino im Martin-Gropius-Bau und das benachbarte, 200 Plätze bietende Spiegelrestaurant "Gropius Mirror". Dort werden die Küchenchefs Sonja Frühsammer, Michael Hoffmann, Michael Kempf, Thomas Kammeier und Tim Raue am Herd stehen.

Das Motto: "Give Food a Chance"

"Anlässlich des jüngsten Dioxin-Skandals erlangt das diesjährige Motto eine ganz besondere Aktualität", sagt Thomas Struck, Leiter des Kulinarischen Kinos, "dem Essen soll eine Chance gegeben werden, im Zentrum des Lebens wieder entdeckt zu werden." Eröffnet wird das Festival mit dem südkoreanischen Film "The Recipe". "Ein sensationeller Film, er rührt zu Tränen und bringt einen zum Schmunzeln", schwärmt Michael Hoffmann ("Margaux"), bei dem der Film einen "wahnsinnigen Hunger" auslöste. Ganz im Gegensatz zu Koch-Kollege Thomas Kammeier. Die spanisch-französich-mexikanische Produktion "Even the Rain" löste bei ihm erst einmal Appetitlosigkeit aus. In "The Recipe" wünscht sich ein zum Tode verurteilten Mörder als Henkersmahlzeit eine Sojabohnen-Suppe, wie er sie vor seiner Inhaftierung gegessen hat. Daraufhin macht sich ein TV-Produzent auf die Suche nach der Rezeptur. Weil das Kulinarische Kino keine cineastische Imbissstube, sondern ganz im Gegenteil mit der weltweiten Genießerbewegung Slow Food verbandelt ist, ist Hoffmann nicht in den nächsten Asia-Supermarkt marschiert. Vielmehr transportiert er die Idee von "The Recipe" in seine Küche, verarbeitet heimische Produkte und addiert Geschmäcker der koreanischen Küche.

"Die Suppe im Film basiert auf in die Erde eingegrabenen fermentierten Bohnen. Ich setzte das in meinen koreanisch-deutsch interpretierten Antipasti mit einer gestockte Bohnencreme um", so Hoffmann, der gerne, aber aus Zeitmangel nur selten ins Kino geht. Zu seinen Lieblingsfilmen zählt "Es war einmal in Amerika". Das Epos gehört neben "Nirgendwo in Afrika" und "In China essen sie Hunde" auch zu den cineastischen Top Drei von Thomas Kammeier. "Even The Rain" hat den Hugos-Küchenchef, wenn auch anders als gedacht, tief beeindruckt. "Der Film führt einen anhand der Wasserkrise im Jahr 2000 in Bolivien zurück in die Zeit von Christopher Kolumbus und hält einem die ungerechte Behandlung der Indios während der vergangenen 500 Jahre vor Augen", beschreibt er. "Nachdem der Film gesackt war, habe ich beschlossen, traditionelle Produkte der südamerikanischen Küche aufzugreifen, um die Zuschauer mit einer warmen geerdeten Küche zurück ins Leben holen", so der Sternekoch, der Andenkartoffeln in der Vorspeise verarbeitet, Kochbananen und Salsa Picante im Hauptgericht und Bolivia Sauvage, eine der kostbarsten Schokoladen, im Dessert.

Eine besonders positive Beziehung hat Tim Raue zu "seinem" Film "Jiro Dreams of Sushi". Es geht um den ältesten Drei-Sterne-Koch der Welt, den inzwischen 86-jährigen Sushimeister Jiri Ono, und um das Verhältnis zu seinem Sohn, der in die kulinarischen Fußstapfen des Vaters treten will. Raue hat bereits in Onos Restaurant Sukiyabashi Jiro gegessen. Den Film findet er grandios. "Er zeigt, was für Hingabe, Disziplin, Produktqualität und Perfektion in kleinste Details nötig sind, um drei Michelin-Sterne zu erreichen", so Raue, der zwar kein Sushi, sondern einen speziellen japanischen Zuschnitt eines weißen Thunfisches, eine rote Misosuppe mit Miesmuschel und Hummer sowie einen Tofu-Cheesecake mit Yuzu-Sorbet fürs Kulinarische Kino kreiert hat.

Kabeljau mit Röstzwiebelkruste

Der englische Kassenschlager "Toast", ist eine nostalgische Zeitreise in die 1960er-Jahre und in die Kindheit von Nigel Slater, dem neben Jamie Oliver wohl bekanntesten britischen Kochbuchautor. "Unterhaltsam, farbenfroh, bildgewaltig und wunderbare Einblicke in die damalige schlechte englische Küche", beschreibt Michael Kempf, für den der wöchentliche Gang ins Kino Entspannung pur ist. "Mein Hauptgang, Kabeljau mit Röstzwiebelkruste und geräuchertem Kartoffelrisotto geht auf den ersten kulinarischen Versuch von Nigel Slater zurück. Als Kind hat er sein Sparschein geschlachtet, um einen Kabeljau zu kaufen", so Kempf.

Eigentlich wollte Sonja Frühsammer dem Fokus des Kulinarischen Kinos, Fisch und Gemüse, nachkommen. Doch nachdem sie die argentinische Tragikkomödie "Die Wege des Weines" gesehen hatte, war klar, dass sie neben einem vegetarischen Hauptgang, eine Paprikalasagne, auch ein Fleischgericht anbieten müsse. Eine entscheidende Szene in der Geschichte mit und über den berühmten Sommelier Charlie Arturaola, der seinen Geschmackssinn verliert und durch das Weingebiet Mendoza reist, um den wiederzuerlangen, ist ein Familien-Barbeque. Da auch im "Frühsammers" gerne gegrillt wird, erwartet die Gäste ein im Smoker angegrilltes und im Spiegelrestaurant vollendetes Entrecote. Da es im Film viel um Wein geht, ehrt Sonja Frühsammer das Grundprodukt des Weines mit einem Traubenchutney in ihrer Vorspeise.