Ausflugs-Tipp

Winteridyll in Wilhelmshagen und Neu-Venedig

Zugegeben: Wir muten Ihnen heute einiges zu. Wir möchten Sie mitnehmen zu einem kleinen, rund anderthalbstündigen Ausflug, der jetzt, im Winter, als exotisch gelten darf, zumindest aber als ungewöhnlich. Aber seien Sie auch sicher, dass Sie entlohnt werden mit ungewöhnlichen Momenten, mit eindrucksvollen Impressionen.

Schon die Aussicht zu Beginn der Tour, wenn Sie aus dem S-Bahnhof Wilhelmshagen treten und - mit etwas Wetterglück - den mit roten Schindeln bedeckten Turm der Taborkirche im fahlen Gegenlicht erkennen, versetzt Sie in eine andere Welt.

Auf der Strecke dorthin liegen rechts und links noch zahlreiche Villen, die den Lauf der Zeit überdauert haben und noch von dem bürgerlichen Vorstadtcharakter des Ortes zeugen. Großzügig abgesteckte Gärten, geschmiedete Gitter, feine Erker, so ließ es sich einst, so lässt es sich in Rahnsdorf wieder leben.

Wenn Sie die Schönblicker Straße bis zum anderen Ende gegangen sind, ist es bis Neu-Venedig nicht mehr weit. Das in den zwanziger Jahren angelegte, einst sumpfige Terrain ist von Kanälen durchzogen, die ungeteerten Wege tragen Namen wie Rialtoring oder Lagunenweg. Es ist jetzt still rund um die kleinen Brücken, die über die schmalen Flussarme führen. Eisschollen treiben vielleicht noch oder schon wieder vorbei, die vielen privaten Bootsstege sind ein Versprechen auf kommende, warme Tage. Auf den vom Wasser der Spree umspülten Grundstücken hat sich im Laufe der Zeit viel Idyllisches angesiedelt, die Lauben und Häuschen bilden heute eine eigenwillige Mischung aus alter Datschenherrlichkeit und neuem Nachwende-Wohlstand. Nicht immer konnte da der gute Geschmack mit den finanziellen Ressourcen mithalten, aber am Ende wuchs eben auch hier zusammen, was zusammen gehörte.

Wenn Sie aus dem Wegenetz von Neu-Venedig herausgefunden haben, können Sie in Richtung der Dorfkirche gehen. Eine junge Frau führt ein Pferd über die kopfsteingepflasterte Dorfstraße, ein Hund hört nicht zu bellen auf. Die Gräber und Tafeln, mit denen hinter dem Gotteshaus verunglückter Fischer gedacht wird, bringen die frühere Bedeutung Rahnsdorfs als Fischereiort in Erinnerung. Die Inschrift auf einem eisernen Kreuz dokumentiert nicht allein die schicksalhafte Verbundenheit der Dorfgemeinschaft mit ihren Fischern, sie beweist auch eine eigene poetische Fallhöhe. Dem 1863 ertrunkenen Fischer Kahlenberg wird traurig ein letzter Seufzer quasi mit ins Grab gelegt: "Da schlief ich dann in Angst und Pein/So nach und nach im Wasser ein." Das "Fährhaus" lädt dazu ein, sich von so viel Schwermut zu erholen (Dorfstr. 14, Tel. 650 17 281, Mo.-Fr. 15-21, Sbd. 11-21, So. 11-18 Uhr). Wenn sie auf dem Weg zur Straßenbahn-Haltestelle "Waldschenke" zu einem Bootssteg gehen, werden Sie mit einem weiten Blick über den Müggelsee belohnt. Ist das noch Berlin? Wie ein zartes Rosa Wasser und Himmel verbindet, wie einem das Zutrauen der Enten zufliegt, wie plötzlich Ruhe herrscht? Ja, das ist Berlin, gerade noch.

Länge: ca. 5 km